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Wir lachen

 

HORRORTRIP IN DER UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK -----

Wir lachen. 

Doch witzig ist es nicht.

Im gebuchten Raum der Universitätsbibliothek ist es unfassbar heiß und stickig. Unsere Lerngruppe will erst gar nicht da rein. Aber es ist Prüfungszeit und rappelvoll in der Uni, auch wenn es nach 20 Uhr ist. Also bleiben wir. Auf dem Tisch liegen Haare. Was die wohl auf dem Tisch gemacht haben, die vor uns den Raum gebucht hatten? 


 
 

Wir lachen.

Doch witzig ist es nicht.

Im gebuchten Raum der Universitätsbibliothek ist es unfassbar heiß und stickig. Unsere Lerngruppe will erst gar nicht da rein. Aber es ist Prüfungszeit und rappelvoll in der Uni, auch wenn es nach 20 Uhr ist. Also bleiben wir. Auf dem Tisch liegen Haare. Was die wohl auf dem Tisch gemacht haben, die vor uns den Raum gebucht hatten?

Wir lachen.

Es klopft das erste Mal gegen die Zimmerwand und gleichzeitig ertönt ein Gemurmel aus dem Nebenzimmer. Ich denke, wir sind zu laut und schließe die Tür, obwohl wir scherzen, dass wir dann ersticken werden. Langsam holen wir unsere Unterlagen auf den Tisch, plaudern ein bisschen und dann sehen wir zum ersten Mal die Fratze, die durch das Glasfenster in unser Zimmer hineinschaut. Es ist ein Mann, der eine Grimasse schneidet. Seltsame Menschen gibt es überall, wir denken uns nicht viel dabei und lachen. Gerade als wir mit dem Lernen anfangen wollen, hämmert der Mann energisch gegen die Tür und wir lachen nicht mehr.

Er brüllt, wir sind irritiert und bekommen Angst. Intuitiv schließe ich die Tür ab. Der Mann muss das gehört haben, denn sofort klopft er wieder gegen die Tür und drückt die Klinke hinunter.

Wir versuchen uns zu beruhigen, da hämmert er wieder gegen die Tür und murmelt etwas. Ich meine, zu hören, wie er das Wort „umbringen“ benutzt. Ich bin die Einzige, die das gehört hat, aber ich bin auch am nächsten an der Tür. Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf. Habe ich wirklich richtig gehört? Was will der von uns? Hoffentlich geht er bald. Wo sind die anderen Studenten? Warum hilft uns niemand?

Bald reißt jemand den ersten Witz über Horrorfilme und wir überlegen, wen wir für das Allgemeinwohl opfern.

„Es stirbt immer zuerst die Blondine“, sagt Vinita mit ernstem Gesicht und schaut zu mir, der einzigen Blondine, woraufhin wir in Gelächter ausbrechen. Nebenan wird gegen die Wand geklopft.

„Noch einmal und ich komm rüber!“, grummelt der Mann.

Von jetzt an flüstern wir.

Petra versucht die Info der Universitätsbibliothek zu kontaktieren.

Vinita macht weiter Horrorfilmwitze.

Jenny ist still, sehr still, sie zittert.

Ich gehe meine Kontakte auf dem Handy durch. Wer könnte jetzt noch in der Bibliothek sein?

Nichts funktioniert.

Eine Frau läuft an unserem Raum vorbei, es wird wieder gegen die Tür geklopft. Alles passiert so schnell, ich kann meine Gedanken nicht mehr ordnen. Ich weiß nur, dass ich Angst habe. Gehört die Frau zu dem Mann? Wie viele Menschen sind es, die so viel Lärm machen und uns bedrohen? Wie stark sind sie? Könnten wir einfach rausrennen? Aber sie würden das Türschloss hören. Das würden sie doch, oder?

„Ich will hier raus“, flüstert Jenny.

„Lasst uns einfach hierbleiben“, sage ich. „Irgendwann wird er schon gehen.“

„Ich will hier auch weg“, sagt Vinita.

Petra und Vinita wollen die Polizei rufen. Ich nicht. Ich denke, der Mann (und die Frau), oder wer auch immer da ist, würde dadurch provoziert werden. Deswegen tippen wir nur. Die Polizei hat kein WhatsApp, also versuchen wir, Menschen über Jodel zu kontaktieren.

Was für ein Fail.

Wir lachen aus Verzweiflung.

Der Mann hämmert wieder gegen die Wand.

Die Jodler beschimpfen uns, nehmen uns nicht ernst. 

„Verzogene Bitches, wollen nur Aufmerksamkeit“ – mein Lieblingskommentar. 

Wir haben schreckliche Angst. Es wird immer heißer im Raum. Kaum trauen wir uns noch, miteinander zu flüstern. Die anderen meinen, den Schlüssel im Nebenzimmer gehört zu haben. Ich habe nichts gehört, aber ich will nun auch nicht mehr im Raum bleiben. Ich packe meine Sachen zusammen und greife mein Pfefferspray.

Zitternd rennen wir durch den Gang und können es kaum fassen, dass etwa fünf Meter weiter die Menschen so dasitzen, als wäre nichts gewesen. Als wäre die letzte halbe Stunde nicht die Hölle für uns gewesen. Als wir in Sicherheit sind, gebe ich auf Jodel Bescheid, doch ernte nur erneut Hass.

Die Anonymität der Masse.

Mir ist schlecht.

Bevor wir gehen, beschweren wir uns an der Infothek.

„Das ist uns noch nie passiert“, sagt die Dame, die uneinfühlsamer nicht hätte sein können.

Später stehen wir noch gemeinsam am kalten Bahnhof und warten auf den Bus. Es ist stockfinster. Noch immer bin ich ganz aufgewühlt, weniger wegen diesem psychisch gestörten Mann – wie gesagt, seltsame Menschen gibt es überall – sondern vielmehr wegen der Rückmeldung auf dieser dummen asozialen Plattform. Es könnte ein Massaker stattfinden, die Menschen wollen erst ein Foto sehen, bevor sie einschreiten.

„Ich schreibe eine Hausarbeit über Traumata, das heutige Erlebnis benutze ich als Einleitung“, scherzt Vinita und von da an hagelt es einen Witz nach dem anderen.

Wir verdrängen, dass wir uns in der Uni nie wieder sicher fühlen können.

Wir verabschieden uns.

Wir lachen. 



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