published in 'Encounters von Juptr' on Juptr.io

0
0

NOSTALGIA

Warum gibt es nichts das bleibt? - Begegnungen

 

Ein Mädchen kroch tief in der Nacht unter die Decke ihrer Mutter, beide zugedeckt von einer silbernen Glasur nebligen Mondlichts, dessen Meister am unendlich finstren Himmel thronte und über seine Schützlinge wachte. Wie glänzende Perlen kullerten Tränen über die Wangen des kleinen Mädchens und mit zitternder Stimme gluckste sie:

"Mama, warum gibt es nichts das bleibt?"

Es gab unendlich viele Antworten auf diese Frage und doch keine. Wir alle sind Gefangene der Zeit, der Endlichkeit sowie Unendlichkeit. Wir lernen früh, dass alle Dinge kommen und gehen und egal wie sehr wir an ihnen festhalten wollen, die Welt dreht sich weiter. Das kann beängstigend sein, sehr sogar. Man versuche, die Schönheit darin zu sehen:

Jede Begegnung hinterlässt Spuren. Von klein auf bilden sie die Grundlage unseres Lernprozesses. Irgendwann einmal, haben wir unseren ersten Stein erblickt und fragst du dich, was dieser wohl heute so treibt? Ob er noch an derselben Stelle liegt, oder aufgehoben wurde zum basteln, Feuer machen oder einen Wurf in die Strömung eines Flusses? Ob es ihm gut geht? Das Mädchen in der Geschichte hatte eine Anhänglichkeit zu Objekten. Als der alte Röhrenfernseher gegen einen Flachbildschirm ausgetauscht wurde, umarmte sie diesen zum Abschied. Schließlich hatte sie Tage und Stunden an Zeit mit ihm verbracht. Sie hatten Abenteuer erlebt, so viel über die Welt gelernt, fremde Länder besucht, sich das erste Mal verliebt und ihre geheimsten Sehnsüchte und Träume geteilt. Jetzt war er alt und musste gehen.

Als das Mädchen älter wurde, sprang sie hinaus in die Welt. So viele tiefgründige Gespräche mit bekannten als auch wildfremden Menschen kreuzten ihren Weg, inspirierten sie und prägten ihre Einstellung gegenüber dem Leben. Es waren Berührungen, die unsichtbare Male auf ihrem Herzen hinterließen, aber auch schmerzhafte. Freunde, mit denen sie schwor, noch im hohen Alter auf der Veranda Pullover und Socken zu stricken und über vergangene Erinnerungen zu schwelgen, lächelten ihr nicht mal mehr zu, wenn sie ihnen zufällig begegnete. Ihrer Freundlichkeit wurde oftmals mit Hohn oder Arroganz begegnet, weshalb, das würde sie wohl nie verstehen.

Das Mädchen, welches sich so lange Zeit vor der Veränderung gefürchtet hatte, begann, sie zu verstehen. Viele Jahre beobachtete sie die Menschen, die Jahreszeiten, ihre Heimatstadt, das wechselnde Angebot im Supermarkt, die Absetzung ihrer Lieblingsserien, ihren Körper, ihre schwindende Kindheit, Tag und Nacht, ihre Familie und Freunde...

...die flüchtigen Momente. Ein Augenaufschlag, der erste Kuss, das schallende Gelächter an schwülen, dämmernden Sommertagen. Das Geräusch, wenn sie ein Buch zuklappte und es nie wieder das erste Mal lesen würde. Die Energie ihrer jugendlichen Venen, Gitarrensaiten aus dem Nebenzimmer, jetzt war es leer. Lange Autofahrten mit Freddy Mercuri und dem engelsgleichen Summen ihrer Mutter, Der Geruch von Shrimps und Sojanudeln im Mai, wenn die Welt bunt wurde und sie mit erschöpften Muskeln und zwei Freunden im schlepptau aus dem Wald, der anderen Welt zurückkehrte. Heute wusste sie nicht einmal, ob sie noch lebten.

Begegnungen. Die eigentliche Schönheit dieser Welt, denn sie sind greifbar, was so vieles andere nicht ist. Ihre Vergänglichkeit schafft Platz für neue Begegnungen. Wenn alles bleiben würde, dann würde uns schnell langweilig. Wir wüssten die Einzigartigkeit der Momente, der Gespräche, der freundlichen und gemeinen Gesichter nicht zu schätzen, denn wir wären uns ihrer Sicherheit bewusst. Das Mädchen war froh, dass sie manche Lehrer, Verkäufer, Passanten oder Bekannte nie wieder sehen musste, denn das eröffnete neue Möglichkeiten für positive Erfahrungen, welche möglicherweise ein Pflaster für ihre Wunden sein könnten. Sie lernte, dass es eine einzige Sache gab, die tatsächlich blieb:

Die Liebe zum Leben.  



Published in: