published in 'BucketList2017 von Juptr' on Juptr.io

0
0

Mit Höhenangst, Schnupfen und Bärenhunger auf Madeira - Ewiger Frühling im Winter

Selten treffen Himmel, Erde und Meer auf so engem Raum aufeinander wie auf der portugiesischen Insel Madeira. Wenn Mitteleuropa noch im Winterschlaf liegt, ist hier schon Frühling – oder noch. Oder immer.

 

Tosender Atlanik in Caniço de Baixo

 

Häuserlava am Hang der Vulkaninsel

 

"Wann sind wir endlich am Meer?*quengel*" -  "Nur noch 580 Meter, mein Engelchen." Cabo Girão

 

Mit der Seilbahn über Funchal schwebend. Bewegt sich sanft im Wind. Nicht drinnen hüpfen.

 

Baum in Funchal. Art: Keine Ahnung

 

Le Grand Bleu in Garajau - Was heißt Le Grand Bleu nur auf portugiesisch?

Ein bisschen starke Nerven braucht man schon, um sich auf einen Flug nach Madeira einzulassen. Wenn man weiß, dass die Landebahn nur knapp 2.800 Meter lang ist und drumherum nur Steilküste, Scherwinde und vor allem viel Wasser. Beim Anflug auf den Flughafen lässt sich der Jumbo in drei Etappen schlicht hinunterfallen, bis die richtige Anflughöhe erreicht ist. Kein Wunder, dass einem die frische aber warme Atlanikluft beim Weg hinaus nochmal viel schöner vorkommt als man erwartet hat.

Madeira, das sind 741km² Vulkangestein, 950km von der portugiesischen Festlandküste entfernt. Bis 1.862m wächst das Eiland in die Höhe und lässt die Siedlungen aussehen wie Lava am Hang der Berge. Ein Rettungsanker für Flora und Fauna, beides üppig und exotisch, denn der Himmel schickt gerne warme Regenschauer und windstill ist es hier mitten im Atlantik auch selten.

Hoch hinaus: Himmel

Man kann hoch hinaus auf Madeira, und den Himmel aus der Nähe inspizieren und Erde und Meer unter einem aus der Ferne. Der Kontrast gelingt nirgends so gut wie am Cabo Girão. Der weg runter zum Strand von hier oben: 580m. Die wahnsinnigen Madeirenser haben uns Touristen eine Aussichtsplattform mit Glasboden gebastelt. Überall um uns herum ziehen die Besucher scharf Luft durch die Zähne, trauen sich dann aber doch. Meine Begleitung Daniel hat Höhenangst und sucht sich einen Platz weit ab von der Klippe. Eine ganze Stunde hat die Fahrt hierher gedauert, mit dem Bus über die Bergdörfer. Alte Damen mit toten Hühnern in Einkaufstüten stiegen zu, und Schulkinder. Der Busfahrer kannte sie alle.

Für den Weg zurück nach Funchal nehmen wir das Taxi. Der Preis wird hier stets vorher ausgehandelt. Am Steuer sitzt diesmal ein Venezolaner und erzählt von Cristiano Ronaldo, dem zweifellos berühmtesten Sohn der Insel.

Noch einmal dem Himmel näher kommt man mit der Seilbahn, die über die Altstadt von Funchal in den Vorort Monte schwebt, ein bunter Balkon mit Wallfahrtskirche und Aussicht. Sie surrt nur leise, die Bahn, und die Kabinen sind ausnahmslos modern. Qualität aus den Alpen. Ein schwacher Trost für jemanden mit Höhenangst. Daniel schwitzt seine Fahrkarte so nass, dass man sie nach der Rückfahrt fast nicht mehr lesen kann. Ich liebe Madeira.

Der Himmel ist launisch und daher nicht langweilig. Dicke lila Wolken treibt der Wind vor sich her und kurze Zeit später strahlt er cyanblau.

Mehr Meer

Cyanblau wie das Meer, denken wir an einem dieser sonnigen Tage Anfang März und können nicht glauben, dass die Luft 20°C warm ist. In Hamburg schneit es vielleicht gerade, während wir -"versprochen eine letzte, Daniel"- Seilbahnfahrt zum Strand in Garajau unternehmen. Eine kurze Bahn, die dann losfährt, wenn jemand fahren will. Der Wart hat nicht genug Wechselgeld. Egal, wir sollen erstmal einsteigen und wenn wir wieder hochkommen, hat er welches besorgt und wir können später zahlen. Unten ist Windstille und kein Mensch weit und breit. Nur das Meer zerschlägt seine Wellen energisch aber nicht böse an dem Kies. Natürliche, feinsandige Strände? Gibt es hier nicht. Man verzeiht schnell auf Madeira, denn zum Baden kommt man nicht her. Das Wasser ist kalt und so manches Winterbleichgesicht aus dem Norden holt sich schnell einen Schnupfen.

Mit Schnupfen saß ich also ein paar Tage später im Fischrestaurant am Hafen von Caniço de Baixo, östlich von Funchal. Es gibt Meeresfrüchtetopf mit Reis, darin allerhand Muscheln, Krabben , Tomaten und viel Knoblauch. Man sollte Madeira auch nicht verlassen, ohne Espada probiert zu haben: Der Degenfisch ist ein Tiefseeungeheuer, das man hier vor der Küste an Leinen angelt und grillt, brät oder kocht. Vorzugsweise mit Bananen und Maracujasoße. Er schmeckt.... ganz ok. Es liegt nicht am Fisch...

Gutes aus der Erde

Obst in anderer Zubereitungsform, nämlich frisch und roh, verleibt man sich am besten im Mercado dos Lavradores in Funchal ein. Wer hätte gedacht, dass das schwarze, unwirtlich erscheinende Vulkangestein so eine Fülle an Früchten hervorbringt? Bauern aus der Umgebung buhlen hier um Kunden und schieben ihnen die Probeexemplare geradezu in die neugierigen und staunenden Münder. Ananasbanane, Passionsfrüchte in allen Farben, Tomatenbaumfrucht, kandierte Blüten. Sie alle stapeln sich zentnerweise auf zwei Etagen in dem schönen Marktgebäude. Aus einer Ecke heraus beweihräuchern büschel-, tüten-, säckeweise Kräuter das ganze Szenario. So stelle ich mit das Paradies vor. Wir fragen uns, ob man den getrockneten Fisch im Handgepäck transportieren kann, wenn man den Geruch mit Maracujas und Bananen übertüncht.

Alles sprießt und wächst hier wie Unkraut. Schon wieder ein Kaktus. Noch eine Aloe Vera oder sowas, die sich auf den Gehweg neigt. Man stolpert über Kaktusfeigen auf dem Trottoir und über Pflanzen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Den exotischen Spatzen und Eidechsen und Schmetterlingen ist es gleich. Wir spazieren durch Funchal, über schwarzweißes Pflaster. Typisch portugiesisch. Zwischen Jacaranda-Bäumen hindurch, die bald lila blühen werden. Es flaniert sich gut auf der Avenida Ariega. In der Nähe ist ein kleiner Markt, und diesmal schiebt man uns Aniskekse in den Mund. Jetzt bin ich mir sicher: Das hier ist das Paradies. Es gibt Besseres als Milch und Honig.

Was die Erde hier Gutes mit sich bringt, erfahren wir auch am letzten Abend in Caniço im Restuarant Central, am kleinen Martkplatz des Altdorfes. An riesigen Spießen steckt gegrilltes Fleisch mit Knoblauch, Lorbeer und grobem Salz. Sie nennen diese Kreation Gottes Espetada. Es schmeckt himmlisch. Wir werden außerdem mit Bolo de Caco gemästet, Kartoffelbrot mit Knoblauchbutter. Auf Kosten des Hauses gibt es ein Gläschen Madeira-Wein, genau richtig zum Zwischenspülen.

Bevor wir uns wieder via Himmel davonmachen, huldigen wir im Taxi nocheinmal der Erde. Mit Tempo 80 geht es um Steilkurven und rauf auf die Autobahn. Die Madeirenser sind alle Formel-1-Fahrer. Ein letztes Mal blicken wir auf die Häuserreihen, die sich den Berg hochschrauben und auf die exotische Flora im Wind. Es wäre schade gewesen, auf den haarsträubenden Flug auf die Insel verzichtet zu haben, ja geradezu eine Sünde. Man muss wiederkommen. Spätestens, wenn die Passionsfrüchte aufgezehrt sind. Schon bald also.



Published in: