published in 'Encounters von Juptr' on Juptr.io

0
0

Die Reise

Es ist ein Ort für Kranke, für Helfer, für Suchende und Reisende. Ich gehöre wohl im Prinzip ein bisschen zu allem dazu.
 

Sie hat einen Bauchnabelpiercing. Sofort bin ich neidisch. Nicht nur auf das, auch auf die Art, wie sie läuft und wie wohlgeformt ihr Körper ist. Perfekt gebräunte Haut strahlt mir entgegen und ich entdecke nicht ein Quäntchen Fett. Langsam beuge ich mich nach vorne und greife nach der Fernbedienung, um die Topmodelserie zu beenden. Ich fühle mich schon fast schlecht, wenn ich hier auf der Couch lungere und meine Chips futtere, während irgendwo anders die Mädels heiße Typen scharf machen.

Schließlich kommt meine Mutter nach Hause und stürzt gewohnheitsgemäß erst einmal einen Schnaps herunter. Mein Vater ist mal wieder im Krankenhaus, er sagt immer, die Gesundheit ist das wichtigste, was ein Mensch haben kann. Aber ich bin kerngesund und trotzdem unglücklich. Toll.

Nachdem ich mich von meiner Mutter verabschiedet habe, bin ich auf dem Weg zu meiner Freundin Lea. Als ich ankomme, erzählt sie mir erstmal eine dreiviertel Stunde etwas über ihren Freund, wie toll er ist, und dass sie sich jetzt gestritten haben. Dann fällt ihr auf, dass ich los muss und ich drücke sie nur noch einmal ganz feste.

Mein Weg führt mich zum Flughafen und am nächsten Tag lande ich in Indien. Es ist heiß, viel heißer als in Deutschland und ich beginne jetzt schon, einzugehen. Aber ich habe mir diese Reise ausgesucht und jetzt bringe ich sie auch zu Ende.

Schließlich nehme ich an einer Besichtigungstour durch den Ashram teil, in dem ich von nun an meine Zeit verbringen werde. Was ein Ashram ist? Das wurde ich schon oft gefragt und mir will es noch immer nicht ganz gelingen, ihn wirklich gut zu erklären. Es ist ein Ort für Kranke, für Helfer, für Suchende und Reisende. Ich gehöre wohl im Prinzip ein bisschen zu allem dazu.

"Weißt du, wie man hier auf's Klo geht?", frage ich auf englisch, schaue zu der Japanerin mit dem netten Gesicht hinüber, während ich versuche, mit unserer Gruppe Schritt zu halten. "Es gibt hier ja kein Klopapier und ich habe das noch nicht so ganz kapiert."

"Ich weiß es auch nicht genau", antwortet sie mir, sie ist auch erst gestern angekommen. Wir gehen weiter, ich nehme mit großen Augen alles in Augenschein, was sich mir bietet. Schließlich gelange ich weiter nach vorne, sie holt mich ein und verrät mir, sie habe grade jemanden gefragt und dass wir auch Klopapier benutzen können, es aber nicht in die Klos werfen dürfen, weil sie sonst verstopfen. Die Inder waschen sich mit Wasser. Ich weiß nicht, ob es euch interessiert, aber mich persönlich hat das schon ein bisschen geflasht.

Schließlich freunde ich mich mit der Japanerin an. An diesem spirituellen Ort versuche ich auch zu meditieren. Es fällt mir zunächst etwas schwer, weil so viele Gedanken sich in den Vordergrund drängen.

Und dann ist Darshantag. Amma, die spirituelle Leiterin dieses Ashrams, die noch dazu viele Hilfsprojekte hat, umarmt die Leute, die neu angekommen sind und leistet ihnen Beistand auf eine Weise, die ich nicht zu erklären vermag. Sie ist wie eine Mutter, der du nicht sagen musst, was du auf dem Herzen hast, sondern die es gleich merkt. Mein Herz überflutet dank der Liebe, mit der sie mich überhäuft, und ich schließe den Ort in mein Herz. Trotzdem komme ich mir oft verloren vor. Ich habe meine Familie, meinen Freund und meine Freunde hinter mir gelassen, um eine Reise anzutreten. Mit meinen 19 Jahren haben mir viele Leute (auch solche, die mich nicht richtig kennen) geraten, mir das Abenteuer aus dem Kopf zu schlagen. Als Frau nach Indien. Und dann auch noch so jung! Spielverderber.

Jeden zweiten Tag setze ich mich hin und meditiere ein bisschen. Schließlich gibt es auch einen Workshop für eine bestimmte Weise der Meditation und ich nehme daran teil. Immer noch rege ich mich darüber auf, dass es in meinem Kopf einfach nicht still werden will.

Eine Französin zeigt mir Yoga. Ich hoffe dadurch, meine kleinen Fettpolsterchen weg zu bekommen, aber tatsächlich ist nicht das das Ziel. Es ist hart, aber im Endeffekt geht es darum, die Anstrengung abzugeben und Vertrauen zu fassen, in was auch immer man glaubt. Mein Glauben gilt Amma, die mir ein so großes Vorbild ist, und ich werde mit der Zeit besser.

Ich helfe mit beim Spülen und Putzen. Ich lerne Jennifer aus Hawaii kennen und auch Katherine aus Australien. Wir reisen zusammen mit dem halben Ashram durch Südindien. Ich setze mich irgendwann auf das Dach unserer Unterkunft, denn ich habe genug von dem Trubel, der einen stets durch Indien begleitet. Ich fange an, meinem Atem zu lauschen. Und da ist sie schließlich. Die Akzeptanz. Plötzlich fällt es mir leichter, meine Gedanken durch den Kopf schweben zu lassen, denn ganz still wird es wohl in nächster Zeit nicht werden. Ich nehme meinen Körper nun an und bin dankbar dafür, dass er mir zahlreiche Dienste leistet und dafür sorgt, dass ich lebe.

Ich versuche die Topmodels nicht zu verurteilen, die ihren Körper wichtig finden und auch nicht die Leute, die ihnen hinterher himmeln (auch wenn ich mich vor Kurzem dazu gezählt habe). Ich akzeptiere meine Mutter, die alkoholsüchtig ist. Ich akzeptiere meinen Vater, für den die Gesundheit am wichtigsten ist. Ich akzeptiere meinen Freund, der an meinem letzten Abend nicht da war und dem die Arbeit am wichtigsten ist. Und schließlich verzeihe ich auch meiner Freundin, dessen Freund ihr alles bedeutet.

Ich atme einmal tief durch und lasse sie durch mich fließen. Die neugewonnene Freiheit.

Ob ich diese Reise bereue? Ganz im Gegenteil. Ich habe so viele Menschen kennen gelernt, aus Frankreich, Japan, Amerika und so weiter. Aber die wichtigste Begegnung war die mit mir selbst. Denn nur so kann ich glücklich werden.

Am nächsten Tag geht es für mich wieder zurück. Und ich fühle mich reicher, als jemals zuvor.




Published in: