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fatou

Ich bin nicht Dresden oder warum ich die Frage nach der Herkunft für schwierig halte.

Ein persönlicher Kommentar.

 

Ich bin in Dresden geboren. Diesen Satz habe ich habe nur ein paar Mal in meinem Leben gebraucht, vielleicht einmal als Lückenfüller bei einem Bewerbungsgespräch oder im Urlaub, wenn nach einem kurzen unvermeidlichen Vorstellungsmanöver noch eine dritte Frage, nach dem Wetter, dem Alter oder dem Anlass der Reise, kam.

In den letzten zwei Jahren hat sich die Reaktion auf meinen Herkunftsort gewandelt, ein Entsetzen macht sich auf den Gesichtern breit, wenn das Wort Dresden ertönt. Oft zieht dann das Gegenüber die Augenbrauen nach oben und schaut bedrückt und ich kann die gedachten Sätze hören: „Wie kann man da noch leben? Wie hält man es da aus? Was für eine Stadt!“.

Ich persönlich finde es furchtbar, was in dieser Stadt seit knapp zwei Jahren montags passiert und frage mich auch, warum dies weiter geduldet wird.

Doch in letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass diese Frage nach der Heimat, besonders, wenn die Antwort mit einer Stadt wie Dresden verbunden ist, eine ungewöhnliche Brisanz gewonnen hat. Wer hier lebt, aber nicht hier geboren wurde, hebt es in der Diskussion um die Stadt, dann doch besser hervor.

Aber gehöre ich automatisch dazu, weil ich hier geboren wurde? Nein, denn obwohl ich aus dieser Stadt stamme, heiße ich diese Entwicklungen der letzten zwei Jahre nicht gut, ich finde sie furchtbar und habe dafür kein Verständnis.

Ich frage mich jedoch auch, je mehr ich in den Medien mit dieser jenen Stadt konfrontiert werde, ob ich sie überhaupt kenne.

Ja, ich bin keine Zugezogene, habe also keine Ausrede, dass mich das alles hier nichts angeht. Allerdings habe ich mich nie über meine Geburtsstadt definiert, sie wird mich vielleicht geprägt haben so wie andere eben in München, Hamburg und Bremen aufgewachsen sind. Doch ich glaube auch, was mich vor allem geprägt hat, ist mein soziales Umfeld. Ich werde jedoch nicht den Einfluss durch Stadtgeschichte, Natur, Architektur, Kultur abstreiten. Ich bin froh darüber in einer Stadt mit vielen Altbauten, Kirchen, Museen, Theatern, in der Geburtsstadt Erich Kästners, dem Schaffensort der Brücke-Maler, dem Odolkönig Karl August Lingners aufgewachsen zu sein. Ich vermute auch, dass es schon viele sozialwissenschaftliche Untersuchungen gibt, die belegen können, dass solche Faktoren, neben dem sozialen Umfeld einen großen Einfluss darauf haben, wie wir uns entwickeln. In welchem Maße Dresden meinen Charakter geprägt hat, weiß ich nicht und ich kann es nicht überprüfen. Ich habe auch keinen Stolz entwickelt, weil ich glaube, dass es Zufall ist, wo wir geboren werden und es immer wieder sehr viele Ausnahmen gibt und sich in Zeiten der Globalisierung wohl niemand mehr über seine Heimatstadt definiert.

Doch mit der Erwähnung meiner Heimatstadt Dresden egal, ob in der Schule, während des Studiums, vor allem innerhalb Deutschlands, habe ich in den seltensten Fällen positive Reaktionen auslösen können, das war schon immer so. Oft natürlich bei Menschen, die diese Stadt noch nie gesehen hatten, und dann war es auf einmal wichtig woher ich kam, jeder andere Ort außerhalb Sachsens hätte weniger Reaktionen hervorgerufen.

Wenn mich Leute im Ausland gefragt haben, woher ich komme, erzeugte die Antwort bisweilen fragende Blicke, wo dass denn liegt, etwa in Polen? Diese Antwort rührte vielleicht noch von der Teilung Deutschlands her, als Ostdeutschland den früheren Ostblockstaaten zugeordnet wurde und für mache schien oder scheint dies noch präsent zu sein. Meist folgte dann ein erstauntes noch etwas verwirrtes „Aha“ oder eine kurzes Nicken und die Auskunft, dass sie hier eben noch nie waren. Um der geographischen Unkenntnis und langen Erklärungen vorzubeugen, nannte ich mein Herkunftsland, dann wurde oft mit einem Lächeln „Berlin“ erwähnt. Mir war das nie wichtig, ich bin gern gereist oder habe gern für einige Zeit im Ausland gelebt, habe mich für die kleinen und großen kulturellen Unterschiede interessiert und dabei die Städte wenig mit meiner Geburtsstadt verglichen.

Wenn ich als Kind gefragt wurde, dann hieß es nur, - „Du sprichst ja gar kein Sächsisch!“ Bekanntermaßen belegt der sächsische Dialekt in Umfragen um die Beliebtheit der deutschen Dialekte einen der letzten Plätze.

Ich hatte dann immer das Gefühl, dass ich mein Gegenüber enttäuschen würde, weil ich eben nicht seine Klischee-Erwartungen erfüllte. Weil ich also nicht diesem, positiv formuliert: charmanten Sachsen, der aus einem „Go trabi go“ Film entspringt, ähnelte oder dem Sachsen, der etwas naiv ungeschickt im „Tatort“ für einen Lacher auftaucht. Mein Gegenüber hatte auch schnell die passende Ausrede zur Hand und meinte, „Ah, deine Eltern sind nicht von hier, nicht wahr?“. – Stimmt aber eigentlich auch nicht ganz.

Vielleicht lag das alles daran, dass es eben Mitte der 1990er Jahre in meiner Schule eben nicht viele Lehrer aus Sachsen kamen, sondern aus Bayern, Brandenburg und auch nur eine Handvoll meiner Freunde in der Schule hier geboren wurden. Ja, vielleicht wollte ich mich unterbewusst auch von diesem negativen Image des Dialekts und den damit verbundenen Vorurteilen lösen. Mein Kindergartensächsisch, das meine Eltern noch auf Kassette konserviert hatten, verschwand ganz automatisch ohne viel Mühe.

Ach ja, Dresden, diese barocke, oft konservative Stadt, die wenig hippe Touristen anlockt, vielmehr Rentner in tarnfarbener Kleidung oder bunten Jacken magisch anzieht. Ich habe immer das Gefühl mich rechtfertigen zu müssen, zu erklären, vielleicht auch ein wenig zu betonen, dass es hier auch viele Menschen gibt, die sich für eine multikulturelle Stadt einsetzen, die ein Rettungsschiff gekauft haben, um Menschen im Mittelmeer zu retten, die Theater spielen mit denen, die hier ein neues Leben nach einer langen Flucht anfangen, die immer wieder versuchen Begegnungsorte zu schaffen und den Blick geweitet haben.

Hier bemühen sich viele Kulturen, Religionen um ein Ankommen, auch wenn dies leise und vielleicht auch für die breite Öffentlichkeit eher unsichtbar geschieht. Ich entdecke so vieles, was ich früher gar nicht bewusst wahrgenommen habe. Ich treffe Menschen, die aus politischen und kriegsbedingten Gründen ihr Land verlassen haben. Die trotz ihrer vollkommen anderen kulturellen Prägung und der Verluste, die sie erlitten haben, Dresden als ihr neues Zuhause bezeichnen. Ich treffe Menschen, die ein zerbombtes Dresden kennen und so viele interessante Geschichten wie einen Schatz über diese alte Stadt hüten. Im letzten Jahr habe ich zu Klezmermusik auf der jüdischen Musik- und Theaterwoche getanzt und koschere Gerichte gekocht und habe zugehört als mir Zeitzeugen von einem Dresden nach dem Krieg erzählten.

Ich habe immer das Gefühl erklären zu müssen, dass es neben dem derzeitigen medialen Spiegel auch noch eine andere Stadt gibt. Und ich will damit nicht sagen, dass diese mediale Seite nicht existiert, aber manchmal wünschte ich mir unabhängig davon, dass Dresden meine Geburtsstadt ist, dass auch gezeigt wird, dass neben allem Negativen sich trotz allem auch Positives bewegt. Nicht zuletzt darum, weil es für die Menschen, die sich seit Jahren für ein soziales Miteinander engagieren, eine Beleidigung wäre.

Nein, ich bin nicht Dresden, vor allen Dingen bin ich nicht das Dresden, welches ich in den Medien sehe, eines, was schimpft, was weltabgewandt ist. Auch die Menschen in meinem Umkreis verkörpern nicht das Dresden, was so viel Ablehnung gegenüber anderen Kulturen in sich trägt. Denn wenn man die Geschichte, die Architektur, Kultur der sächsischen Landeshauptstadt genauer betrachtet, wurde sie von Italienern, Franzosen, Russen und vielen anderen Nationen geprägt. - Welche Rolle spielt dann die Frage nach der Herkunft?

Ich bin hier geboren. Ich lebe und lerne in der Veränderung der Stadt und möchte versuchen nicht nur in eine Richtung zu schauen, auch wenn das im Moment scheinbar nicht so leicht fällt.

 



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