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Zuerst muss man selbst leben lernen, und dann erst kann man andere beschuldigen


wortedreher

Der Moralist und die Hedonistin

 

Der Moralist und die Hedonistin

„Ich bin nicht der, der dir gut tut“, schießt es mir durch den Kopf, während wir in einer maroden Elektro-Bar am Hafen sitzen und nervigen Hip Hop der Old School hören. Sie sitzt mir gegenüber mit rosa Lidschatten und einem aufdringlichen Rouge im gleichen Farbton. Über ihre Wangen ziehen sich ziemlich viele weiche Härchen. Ihre Augenfarbe kann ich nicht erinnern, weil ich nicht besonders viel in ihre Seelenlichter geschaut habe.

Wir reden über Musik, und was sie im Menschen auslösen kann, aber ich kann nicht sagen, dass mich ihre Positionen besonders für sie einnehmen. Carola gehört offensichtlich zum spätpubertären Hedonistenblock, der, umgeben von gleichgesinnten Freundinnen von einem Elektroevent zum nächsten wankt.

Es ist ein wenig irritierend, dass sie auf der anderen Seite einen starken Bezug zur akribischen Analyse moderner Geschlechterbeziehungen hat und diverse Bücher zu diesem Thema gelesen hatte.

Diese Neigung passt so gar nicht zu ihrem unwiederruflichen Bekenntnis zum Spaß am Leben und zur Ablehnung von notorischen Nörglern und Melancholikern. Da bin ich doch offensichtlich am ganz falschen Filmset, und ich wundere mich über die Rolle, die ich schließlich selbst erwählt habe.

Sie kann überhaupt nicht merken, dass ich mit dieser lässigen Leichtlebigkeit gar nichts anfangen kann, weil ich keine Widerworte gebe, angesichts ihrer dahin geschnatterten Feurigkeit über Open-Air-Festivals und DJ-Sets auf dem Kiez.

Plötzlich erzählt sie mir, dass sie mal drei Jahre mit Unterbrechungen mit dem Studioleiter der Tagesschau liiert war. Bereits nach einem Jahr verliebte sich der Typ in eine jüngere Frau und hat sie verlassen. Diese Episode erzählt sie ganz ohne Zorn und nachtragender Wut im Bauch. Ein halbes Jahr später kam er reumütig zurück und sie hat ihm noch eine Chance gegeben. Ich habe diese Nachgiebigkeit gegenüber solchen derben Entgleisungen nie begriffen, und zugegeben ich verachte diese Nachsicht auch.

Als sie später beim Tanzen eine schlimme Knieverletzung davontrug, die sie über Monate zur Immobilität verdammte, war er es, der sich aufopferungsvoll um sie kümmerte. Das Merkwürdige war nur, dass die Beziehung keine vier Wochen mehr hielt, als sie wieder auf den Beinen war. Als nicht weniger dramatisch, berichtete sie mir davon, dass er meinte er habe ein Recht auf die Verfügbarkeit ihres Körpers. Es ist völlig klar, dass sie mir diese Geschichte erzählte, um abzuchecken, wie ich zum Thema einseitiger Lustanfälle und den Umgang damit stehe. Ich möchte den Typen sehen, der in einer solchen Situation sagt „Aber da muss man sich doch auch mal flexibel zeigen und über seinen Schatten springen, man kann sich ja auch überzeugen lassen“. Während ich typisches Softiegefasel von mir gab, in dem Tenor „So ein Arschloch, der hat sie wohl nicht mehr alle an der Leiste“ skandierte der Engelschor meiner von diesem Problem ständig betroffenen Freunde „Arschloch, du weißt es besser“ und „Finger weg von dieser Frau; die hat ein Problem mit ihrer Lust“.

So aber wußte Carola nichts von meiner eigentlichen Position und wird in Zukunft davon ausgehen, dass ich zu den höflichen und rücksichtsvollen Typen gehöre, die die Gefühle einer Frau stets respektieren, mögen sie auch noch so irrational sein. Ich sehe keinen Anlass diesen Eindruck gerade zu rücken und denke mir meinen Teil. Dabei zuckte ich bereits in den ersten zehn Minuten zusammen als sie mir erzählte, dass sie mit Kindern überhaupt nichts anfangen könne angesichts ihres Lebenswandels. Eigentlich hätte ich ihr von diesem Moment an sagen müssen „Lass uns ab und an mal ins Kino oder in einen Club gehen, aber mehr als eine Freundschaft kann hier auf keinen Fall herauskommen“. Aber nein, der Gutmensch in mir hält schön die Klappe, verstreut dezent den Restabend über seine mehr oder weniger eindeutigen moralischen Axiome und verteilt Positionspapiere zur modernen Beziehungskultur in den urbanen Zentren. Dabei kann sie noch froh sein, dass ich den Abend so angehen lasse. Schließlich könnte ich sie auch mit Komplimenten einbalsamieren, bis sie weich wird. So würden das zumindest viele meiner Geschlechtsgenossen versuchen.

Wie aber will die arme Frau mir gegenüber auch nur ahnen, was ich eigentlich denke, wenn ich mich nicht äußere...

Nach unzähligen Zigaretten, einem Weißwein und einem Bier, nebst einem Tanzversuch miteinander, sagte Carola, dass sie ja morgen arbeiten müsse und wir wohl besser mal aufbrechen sollten. Ich bin eher beglückt über ihr Anliegen, befürchtete ich doch jetzt von Club zu Club geschleppt zu werden, bis ich entkräftet am Tisch einschlafe.

Der wenige Alkohol hatte sich merkwürdigerweise schon in meinem Körper breit gemacht, und ich verlasse den Laden leicht schwebend. Als wir uns zurück zur S-Bahn Station St.Pauli begeben, fällt mir auf, dass wir uns beim Gehen auf dem Trottoir immer wieder aneinander reiben. Ist das ein Zeichen von Vertrautheit oder gar unterschwelliger Zuneigung? Ich habe keine Ahnung und versuche mir darüber weiter keine Gedanken zu machen.

An einem Club am Ende der Reeperbahn muss Carola noch unbedingt mit der Türsteherin schimpfen, weil die Drängelei, die vor der Tür vor dem Einlass entsteht, ihr mächtig auf die Nerven geht. Ich stehe betreten daneben und verstehe die ganze Aufregung überhaupt nicht. Wer immer bei jedem noch so bescheuerten Event dabei sein muss, der muss sich nun mal auf Wartezeiten einstellen.

In der S-Bahn-Station Reeperbahn drängen sich Horden vergnügungssüchtiger kids, flankiert von angetrunkenen Touristen und warten auf das Erscheinen der S-Bahn. Im Zug sitzen wir neben einander, was mir ganz recht ist, weil ich zuvor merkte, dass ich mir ihren Körper bereits genauer anschaute, was ich schwer kaschieren kann. Ich halte mich da ganz an die Worte von Pittigrilli, der mal sagte, dass man eine Frau beleidigt, wenn man ihr sein Begehren zeigt, aber sie noch weitaus stärker verletzt, wenn man es nicht tut.

Wieder erzählt sie von ihrer Arbeit am nächsten Tag, und ich frage mich langsam, ob ich nicht intervenieren soll, weil sich ein klares Ungleichgewicht der Gesprächsanteile ergibt. Da diese Fahrt aber nicht lang ist, lasse ich es sein. Die Frau ist auch wirklich müde, und ich bin es letztlich auch. Kurz vor der Emilienstrasse, wo sie aussteigen muss, umarmt sie mich, und ich merke, dass ich sie zumindest verteufelt gut riechen kann.

Man wünscht sich schöne Tage ohne einander und winkt sich kurz zum Abschied.

Im Bett liegend, muss ich mich erst eine ganze Weile in die Lektüre drittklassiger Autoren vertiefen, um die Erlebnisse des Abends zu verdrängen. Das rächt sich später, denn 1 ½ Stunden bevor der Wecker klingelt wachte ich auf und alle Gedanken arbeiteten auf Hochtouren, während ich mich von einer Seite auf die andere wälzte. Ich fragte mich von der ersten Minute des Erwachens an, was ich von dieser Frau zu halten habe und was meine Gefühle ihr gegenüber bedeuteten. Dabei kamen mir immer wieder die Erinnerungen an meine ehemalige Verflossene hoch, die ich nicht liebte, bei der ich aber aus lauter Verantwortungsgefühl fast ein Jahr blieb. Mir war völlig klar, dass mir so etwas nie wieder passieren dürfe, weil es weder der Frau gegenüber, und das ist weitaus wichtiger mir gegenüber vertretbar ist.

Ich werde nie mit Carola zusammen sein, weil wir in gänzlich entgegen gesetzten Lebenskonzepten existieren. Was mich aber stark beunruhigte war die Frage auf welche Weise ich ihr diesen Entschluss mitteilen sollte. Mir war klar, dass, egal wie ich mich entscheiden würde es nicht ohne Verletzung gehen würde. Schlimm kam mir vor allen Dingen vor, dass sie keinen Schimmer haben konnte wie es tatsächlich in mir aussah.

Immer wieder ging mir der Begriff Sonnenscheinchen durch den Kopf als ich an sie dachte. Aber es gibt kein Sonnenscheinchen, dass meine selbst erwählten Wolkentürme von dannen schieben kann. Der reine Sonnenschein, gepaart mit ihrem wüsten Aktionismus, den sie an den Tag legt, wird nie meine Welt werden, unter der ich glücklich oder unglücklich sein kann.

Aktionisten werden mir immer so vorkommen, seien es nun Hedonisten oder politische Wirrköpfe, wie Menschen, die aus der Unerträglichkeit des eigenen Vexierspiegels immer wieder weglaufen. Das ist ein probates Mittel, und das muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden, aber mein Weg wird das nie werden, und das ist gut so, um mit Herrn Wowereit zu sprechen. 



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