published in '24hDeutschland von Juptr' on Juptr.io

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Ich erbreche meine Gefühle zu meinen Füßen und wünschte, dass sie Vodka wären.

Im Regen glitzernder Lichtpunkte fließen wir ineinander, gleiten Körper an Körper vorbei und rauschen durch das Meer der Sinne.#24hdeutschland

 

Ich torkele ein wenig, während ich den Weg zur nächsten Ubahnstation zu bestreiten versuche, in der Hoffnung, so bald wie möglich von einem dieser gelben Blechwürmer vor meine Haustür befördert zu werden. Zwischendurch gleiten hier und da ein paar Passantenaugen über mein Gesicht. Ich möchte gar nicht wissen, wie dieses mittlerweile aussieht, nachdem ich wohl bewusst so viele Spiegel wie möglich zu vermeiden im Stande gewesen bin. Es fühlt sich an, als würde ich mit meinen Fingern an Wänden entlanggleiten, als würde diese puddingweiche Konsistenz des Tages, der gnadenlos sein Licht auf mich fallen lässt, mich langsam einsaugen. Aber nein; ich bewege mich eigentlich nicht großartig anders, als die Leute um mich herum. Ich bewege mich eigentlich fast konzentrierter, sicherer als für gewöhnlich. Zumindest rede ich mir das ein.

Eine Melodie schleicht sich in meinen Gehörgang. Mitten am Kottbusser Tor. Ich drehe meinen müden Kopf in die Richtung, aus der sie zu kommen scheint. Akkustikgitarre und eine Stimme, die genauso gut in einem Wohlfühlfilm für geschundene Frauenherzen ihren Platz finden könnte. Ein Hauch von Surrealismus gräbt sich in mein System, wie so häufig, wenn meinem Leben plötzlich ein Soundtrack verliehen wird. Nicht ganz so intensiv, wenn ich, frisch interessiert, aber nicht bereit es zuzugeben, über Flohmärkte schleichend von „I don't wanna fall in love“ aus Lautsprecherboxen attackiert werde oder mich über Wochen hinweg dasselbe Lied verfolgt, wohin ich auch gehe. Aber immerhin.

Nach ein paar Momenten, die wie eine Ewigkeiten zähschleimig durch die Sanduhr tropfen, erblicke ich den Urheber von Gesang und Gitarrengezupfe. Sitzt er da, zwischen überall auf den Boden verteilten Flüssigkeiten unklarer Herkunft, denen mit meinem Hosenboden ich kaum oder nur in weitaus dichterem Zustand ich mich zu nähern wagen würde. Seine Umwelt vollkommen vergessen oder sie vielleicht auch gegen eine bessere getauscht habend. Wer weiß das schon so genau. Münzen klirren im Gitarrenkoffer, Menschen schreiten nicht nur vorbei, sondern bleiben auch kurz stehen, sind aber nicht bereit, alles in sich einzusaugen, weil Großstädter eine gewisse Abgeklärtheit von sich geben müssen, um nicht die Identität des erstaunten Touristen, für den man jeden hier hält, preiszugeben. Ich bleibe unentschlossen stehen, unklar, ob ich meiner Mission in Richtung Schlaf treu bleiben, oder nicht doch genau das wagen sollte, was allen diesen so geschäftigen Leuten zu gefährlich scheint: Dem Zeitraffer des Müssens entfliehen und Schönheit zu genießen.

Da nichts auf mich wartet entscheide ich mich, zu bleiben.

Nachdem er sein Spiel beendet hat, setze ich mich zu ihm, kurz bevor es weitergehen und ich fürchten könnte, den Mut zu verlieren. Frage ihn nach einer Zigarette, weil man das heutzutage so macht und ziehe, nachdem er verneint, eine Packung voll mit Wunderkerzen für Erwachsene aus meiner Jackentasche, die ich dann anzünde. Nur um ihn zu fragen, ob er dann vielleicht gerne eine hätte.

Er sieht mich ein wenig skeptisch an, entscheidet sich aber dafür, mich zu ignorieren. Ich ziehe gespielt entspannt den Tod in tiefen Zügen in meine Lungen hinein, während er weiterspielt. Ich lausche diesem zarten Geklimper, während ich der vorbeiziehenden Zeit erfolgreich durch ungezieltes Sein entfliehe. Sie an mir vorbeigehen sehe, ohne, dass sie mich bemerkt, ohne, dass sie mich mitnimmt. Vielleicht muss ich da auch gar nicht mehr hinein. In diese Zeit und diese Welt, die von ihr bestimmt wird, ohne dass sie für mich viel mehr prägt, als die Furchen in meinem Gesicht, feine Linien, die Nase und Mund so verbinden, wie für andere Menschen spontane Bekanntschaften bei freundschaftlichen Raclette-Abenden auf dem Weg zu Liebe, Ringen an Fingern und dem ersten Kind. Ganz anders als dieses Aufeinanderfolgen unabhängiger Episoden, die sich teilweise überschneiden und doch nicht zusammengehören. Oder gar Zukunft bilden. Ein Zeitstrahl, der im Kreis verläuft – falls er denn dann überhaupt noch diesen Namen tragen darf. Betrunkenes Denken im Dreieck.

Während ich aus allgemeiner Nervosität gegenüber Fremden die nächste Kippe aus dem Päckchen ziehe, lasse ich meinen Blick unauffällig aus dem Augenwinkel über ihn gleiten. Alterslos sitzt er da, das ungekämmte Haar fällt ihm ins von kleineren Falten durchzogene Gesicht, das wenig Ruhe und viel Herumkommen zur Schau trägt. In seiner wahrscheinlich irgendwo aus Altkleidercontainern gezogenen Garderobe ist er ganz sicher kein Ausstellungsstück, aber das ist mit dieser Stimme wohl egal. Ich schätze ihn auf einen, der zehn an jedem Finger hat. Interessiert mich bloß nicht.

Er hat sein nächstes Lied beendet, und ich frage mich, wieviel eigener Herzschmerz sich eigentlich in diesen beschwingten Liedern über gescheiterte Liebesabenteuer versteckt hält.

„You want a beer?“ Er schaut mich verwirrt an, dann aber: „Yeah, why not.“ Ich stehe kurz auf und gehe zum nächsten Spätkauf, um ein bisschen billige Plörre zu erstehen. Ich wandere zurück zu ihm, der gerade den Doors sein Tribut zollt und erneut Leute an sich vorbeiziehen lässt, die er in seiner eigenen Welt wohl kaum wahrnimmt, Leute, die diesen Moment herausgerissen aus dem Jetzt nicht wertzuschätzen wissen, einige von ihnen bleiben unsicher stehen, fühlen sich aber unwohl darin, ihren Alltag zu unterbrechen. Ich möchte ihnen am liebsten einen Vortrag darüber halten, dass sie nicht wissen, wie gut es ihnen gerade geht. Ich setze mich aber einfach nur hin, zücke mein Feuerzeug und öffne zwei Flaschen vom billigsten Bier, das ich gerade so außerhalb eines gängigen Supermarktes erstehen konnte, wobei es sich natürlich trotzdem um verhältnismäßig überzogene Preise handelte.

Zisch.

Ich stelle sein Bier an seine Seite und trinke meines aus tiefen Zügen, während ich mich von der Musik gefangen nehmen lasse. Anstatt der gewöhnlich kreisenden Gedanken macht sich Stille in mir breit. Ich bleibe für einen Moment in mir selbst stehen. Genieße das hier sein, genieße in einer dreckigen Ecke zu sitzen, besudelt mit anderer Menschen Speichel, gemischt mit Resten von Erbrochenem und wahrscheinlich den üblichen Raucherschleimklumpen. So wie es riecht wurde hier auch vor nicht allzu langer Zeit, wahrscheinlich als die Dunkelheit der Nacht noch dem Betroffenen Schutz gewährt hatte, uriniert.

„So, i gotta go. Have a nice day.“

Ich blicke kurz auf. Ich weiß nicht, wie lange ich nun schon meinen Gedanken nachgegangen bin, zumindest hat er mittlerweile aufgehört zu spielen und packt seine Gitarre in den von Münzen beinahe überquellenden Koffer.

„Mhhhja. Have a nice one“ Ich stehe auf, klopfe mir langsam die Hose ab und stelle das leere Bier, das sich schon viel zu lange in meiner Hand befindet, für die Flaschensammler in eine Ecke. Ich wühle kurz in meiner Tasche und ziehe ein Neues hervor, öffne es mit meinem Feuerzeug....und verharre. „So, what are you doing now?“

„I dont know. Maybe hitting some bars.“

„Mind if i join?“

Er zuckt die Schultern und wir machen uns auf den Weg.

Hände im Leeren tastend, Finger, die frisch zum Leben erwacht, Unebenheiten des nicht mehr so ordentlich aufgespannten Bettlakens erforschend, öffne ich langsam meine schlafverklebten, müden Augen. Im ersten Moment fällt es mir schwer zu erkennen, wo genau ich mich eigentlich befinde - nicht, dass dies in Bezug auf meine Lebenssituation und wo ich da eigentlich überhaupt stehe, eine Ausnahme bilden würde. In diesem Fall allerdings ist es gänzlich meine äußere Umgebung, die mir Rätsel aufgibt. An den Seiten eines notdürftig über das Fenster gespannten Bettlakens vorbei, dringen helle Sonnenstrahlen ins Zimmer. Dezembersonne – kein wirklich warmes Licht, eher ein Farbton, der von Zwischenwelt spricht. Dieses surreale Jahresende, das eigentlich grau oder schneebedeckt sein sollte, nach Jahrzehnten der Schädigung des Erdballs allerdings dem Zeitraum kurz vor Frühlingsbeginn gleicht, bevor in drei Monaten, wenn nun tatsächlich Frühling sein sollte, sich die Welt dann doch dafür entscheidet, unter einer Schneedecke zu ruhen, weil yolo und man gönnt sich ja sonst nichts.

Ich liege unter einer warmen Daunendecke in einem ungewohnt bequemen Bett - keine Bettfedern, die sich mir in den Rücken bohren, keine Muskelschmerzen, keinerlei Verspannungen. Ich fühle mich erstaunlich erholt. Endlich finden meine Finger, wonach sie die letzten Minuten über gesucht haben und ich lasse ein weißes Stäbchen, gefüllt mit Tabak und siebzig nachweislich krebserregenden Stoffen, zwischen meine Lippen gleiten. Suicide is slow with liquor, daher muss man auf jede erdenkliche Weise nachhelfen. Während ich mein Leben tief inhalierend um ein paar Minuten verkürze, rolle ich meine Hüfte nach rechts und lasse den Oberkörper ellenbogenaufstützenderweise folgen. In diesem mir bis gestern noch vollkommen fremden kleinen Zimmer steht dessen Bewohner mit dem Rücken zu mir, tut Dinge, die so aufräumend sind wie schroffe Worte oder mein Glaube an die Zukunft und bemerkt weder meinen forschenden Blick, noch, dass ich überhaupt wach bin. Ich blase den Rauch zwischen meinen Zähnen hervor, werfe einen kurzen Blick auf die Formen, die dieser während seines Verweilens in scheinbarer Schwerelosigkeit annimmt. Lasse meine Augen dann aber wieder zu diesem Mann, mit dem nicht einmal die Faser eines Ariadnefadens verbindet, gleiten, fahre über jeden Rückenwirbel, jede der vielzähligen, dicht beieinander liegenden und doch sich kaum farblich abhebenden Sommersprossen auf den Schulterblättern, den gebeugten Nacken hinauf bis zum Scheitel seines karamelliggoldenen Haares. Viel zu lange Gespräche über Kindheit, verflossene Lieben und gebrochene Herzen mit diesem Wesen, das so enigmatisch wie systematisch von mir fernhält, wie eigentlich über mich gedacht wird, vielleicht aber auch genau in diesem Unausgesprochenen so deutlich die Karten auf den Tisch legt, die weder vier Asse noch ein Full House für mich bereithalten, ja, nicht einmal potentiell, würde man ein paar Runden lang abwarten. Ich verstehe nicht, wie ich hier gelandet bin, bei diesem Menschen, der mich doch weder mit seinen Worten, noch mit seinem Aussehen anzuziehen vermag. Ich präge mir jede Falte in diesem verbrauchten Gesicht ein, genauso, wie ich nur wenige Stunden zuvor meine Finger strähnenweise durch diese ungekämmte Mähne habe fahren lassen und dabei jedes ergraute Haar in Augenschein genommen habe, verwundert, wie er es in all den Jahren, die er schon länger als ich auf dieser Erde gewandert ist, so wenige davon anzusammeln geschafft hat. Ich betrachte diese feingeschnittene Nase, der vollkommen das Aristokratische, Dominante, fehlt, das ich doch sonst immer so anziehend finde. Weder ist er hochgewachsen, noch hat er diese feingliedrige Knochenstruktur, die all diesen elfengleichen Gestalten, denen ich für gewöhnlich erlaube mir den Atem zu rauben, gemein ist.

Die Worte, die wir zwischen uns ausbreiten, eröffnen uns einen Bruchteil der Universen, in denen wir leben, lässt uns gegenseitig Einblick erhalten, aber sie definitiv nicht verschmelzen. Vielleicht haben wir einmal von den Dingen, denen der jeweils Andere Bedeutung schenkt, gehört – in unsere Herzen eingefressen haben sie sich aber nie. So verstehen wir von unseren Leidenschaften und allem, was sie mit sich bringen nicht viel mehr, als wenn ich dir erzählen würde, dass das Meer nass und salzig ist. Wir können nebeneinander sitzen und sind doch meilenweit entfernt. Keinerlei Gefahrenpotential. Kein Brennen in meinem Herzen, keine Sehnsucht, kein Verlangen, Nächte mit dir in Worte zu verwandeln, bis der Himmel seine Farbe wechselt und unsere Zungen langsam schwer werden, während uns zwischen den mit Mühe getragenen Buchstaben die Lider langsam zufallen. Nur ein paar weicher Lippen, eine Hand, die sich sanft in meinen Nacken legt, ohne sich um meine Kehle zu schließen, wie es Hände in solchen Situationen doch für gewöhnlich zu tun haben. Ein paar nicht gezählte Minuten, in denen wir gemeinsam einsam unsere körperlichen Grenzen vergessen und die Räumlichkeit dieser vier Wände ihre Konsistenz verändert, einfach nur, weil gerade keiner hinsieht und sich das eigene Sein zugleich ausdehnt und in Nichts verwandelt. Und sobald wir uns kusslos aus unserer Umarmung entwinden, sind wir wieder Fremde. Der Garant für Sicherheit.

Meine Blicke mittlerweile doch in seinem Rücken spürend, dreht er den Kopf zu mir. Ob er sich fragt, was ich eigentlich noch hier mache, wann ich mich endlich anziehen und heimgehen werde? Immerhin sind wir uns nicht nahe. Immerhin ist es ungewöhnlich genug, dass ich hier bin. Immerhin ist jeder Moment, den wir miteinander verbringen, nicht nur ungewöhnlich, sondern eigentlich auch hoch unwahrscheinlich. Hätte man mich gefragt, ob so etwas passieren würde, ich hätte gelacht. Umgekehrt wahrscheinlich auch. Momente außerhalb der Realität, getaucht in einen Lichtschein, der so herausgerissen aus jeglichem Zeitgefüge scheint. Als sei alles pausiert. Und das ist es auch.

Unwahrscheinlichkeiten, eine Antwort auf das Wie und Warum. Ein Heute und Gestern irgendwann, aber völlig ohne morgen, wie einer dieser Träume, aus denen man erwacht und sich wundert, wieso man mit so unerwarteten und unpassenden Personen einen kompletten Nachtschlaf voller Abenteuer oder zumindest Begebenheiten verbracht hat.

Und für einen Moment vermisst mein Herz nicht, was hätte sein können, wie mit den Ausgeburten der Wahrscheinlichkeiten man zur Bahn Richtung morgen gewandert ist und dann doch beim Lösen des Tickets verpasst, dass sich die Türen hinter dem eigenen Rücken geschlossen haben und der Wahrscheinlichste schon einen neuen Sitznachbarn fand.

Und seitdem bin ich Schwarzfahrer.

Ich lasse eine Hand über meine Schulter gleiten und finde Finger darauf vor. Die Spitzen der Meinigen über sie streichen lassend, löse ich sie Stück für Stück, Millimeter für Millimeter, auf Atemgeräusche achtend und ob diese sich verändern. Noch immer sanftes Schnarchen. Ich halte diese Hand sanft, während ich mich mit dem Ellenbogen aufstütze, mich langsam aufsetze, alles in Zeitlupe, darauf achtend, dass außer traumgesteuerter Pupillenbewegung keine Veränderung der Augenlider stattfindet. Mein Blick gleitet über das Bett, meine Hände folgen und ich finde Unterhose und BH zwischen den Falten des Lakens. Ich greife nach beidem und bewege mich aufwärts, balanciere mein Gewicht so, dass keine Unruhe entstehen kann und steige großen Fußes über ihn hinweg. Versuchsweise geräuschlos lasse ich einen Fuß in die Unterhose gleiten, der zweite folgt, ziehe sie hoch. Lege diesen BH an, um meine Brüste zurück in ihren Käfig zu weisen. Glücklicherweise sind weder Hose noch Tshirt groß im Raum verteilt. Es kann also schnell gehen. Das morsche Knarren alter Dielen so gering wie möglich zu halten, versuche ich auf Zehenspitzen den Raum verlassend ihn nicht aufzuwecken, was mir bis zur Tür auch gelingt. Für alles danach kann ich keine Garantie mehr geben, habe ich ihm doch den Rücken gekehrt und dieses kleine, bücherbefüllte Zimmer gerade verlassen.

Uns trennen nicht nur Wände, sondern Welten. Und jetzt auch noch meine eigene Entscheidung.

Ich gehe in die Küche und finde meine Lederjacke genauso auf die an Baratmosphäre erinnernde Bank hingeworfen, wie ich sie zurückgelassen habe. Ein Glück, wäre ich mir immerhin nicht sicher, dass all diese modischen Schnallen, die mich von langweiligem Alltagsmädchen zu wilder Bikerkönigin verwandeln, nicht doch mit ihrem lautem Klirren meinen Abschied weniger verstohlen gemacht hätten, als ich es beabsichtigte.

„Und dann wird die ganze Zeit idealisiert sich gegenseitig und selbst und sowieso kaputtzumachen, kaputt zu reden, weil gebrochene Herzen so wundervoll romantisch sind. Alle halten sie sich für japanische Keramik, deren Scherben dann mit Gold repariert und umso schöner strahlen werden – well fuck that. Diese Idioten vergessen, dass Herzen aus Fleisch bestehen und eher zertreten als zerbrochen werden können! Das Klügste ist doch am Ende nur, den Matsch aufzuwischen und zu akzeptieren, dass vor dir nur noch eine leere Hülle steht.“

Rasselnd zieht sie die Luft zwischen ihren dahin gefauchten Rasierklingenworten durch die Zähne und wischt sich über das schweißgetränkte Gesicht. Ich kann nicht anders als sie anzustarren. Dieselbe Nacht, derselbe Ablauf, immer wieder neu durchstanden. Keine Erlösung, kein Happy End, nur vorwärtsgehen. Kaufen uns am Späti ein Bier und ziehen durch die Nacht, uns einredend, wie hochgradig philosophisch und vernünftig, fernab irgendwelcher emotionalen Trivialitäten wir doch sind. Falten, die sich in unsere Mundwinkel, Wangen, unter die Augen graben. Der selbe, immer wieder müde Blick. Ich weiß nicht mehr, wann wir das letzte mal wirklich glücklich waren – wahrscheinlich kurz bevor sich diese Vernunft und das Verstehenwollen in unseren Köpfen eingegraben hat.

Ich mag, wie sie mich auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Mir mit flacher Rückhand in das dumme Gesicht meines überbordenden Selbstmitleides schlägt. Immerhin, diese Großstadtbourgeouisie trivialer Probleme ist es, die mein Leben regelmäßig aus dem Gleichgewicht bringt. Unnötige Banalitäten, während die Erde um uns herum explodiert und Kinderarme von Bomben zerfetzt werden.

Ficken Feiern Saufen Rauchen potentielle Krankheiten sammeln wie Urgroßvater noch Briefmarken, Russischroulette der Körper, verlieren wollen um des Verlierens willens und bloß keinen Schritt nach vorne machen. Auf dem besten Weg niemals anzukommen, aber immer fortzugehen – das ist der Mikrokosmos, durch den zu schweben wir ständig verdammt sind, der Zug ins Nirgendwo. Und kein Notausstieg.

Helikopterelterngeneration, die uns das Handbuch auf den Tisch gelegt, aber niemals lesen beigebracht haben. Navigationsgeräte des Lebens – folgen sie einfach den Instruktionen, dann brauchen sie auch keinen Orientierungssinn.

Da war dann auch mal dieser Mann, der irgendwann auf Papier brachte, was niemals bedeutungsvoller als heute erschien. Während die einen noch im Erwachsenenalter am Rockzipfel ihrer Mütter hängen, die verlängerter Arm derer überschattend großen und doch so leeren Leben sind, treibt es die Sturmgeborenen der Kompassnadel entgegengesetzt, ziellos wandernd in blindem Verneinen. Im Sinne eines Anti-Ödipus die Zeichen der Rebellion auf die Stirn gemalt, auf dem Pfad der Zerstörung – dabei jedoch unwissend, welchen Weg die Füße einzuschlagen in der Pflicht sein sollen, hat man Karten zu lesen doch nie gelernt und vor Augen nur Abdrücke zu großer Schuhe im feuchten Boden, denen zu folgen man angewiesen wurde.

Anschreien gegen Mütter, deren Schatten abzulegen man verlangt, jedoch nicht kann, wird zum Selbst nur der Gegenantrieb erklärt. Hinein in nebelige Wälder, gescheiterte Philosophenmenschen und Trauermusiker zitieren, um in einer eigenen neuen Spießigkeit anzukommen und sich neuen Strukturen verschiedener Abstufungen des Antiquierten anzupassen. Wahre Wildheit ohne Ausbruch.

„Gescheiterte Existenzen werden zum Ideal erhoben, wenn sich keine eigentliche Ruhe einstellt. Eigentlich ist das alles ja nur großstadtrebellisches Gelaber, die Ausdehnung einer Adoleszenz, die zu überschreiten in diesem schillernden Niemandsland einfach nicht gelingt.“ Große Worte und nichts dahinter, stehe ich hier mit meinem Billigbier und habe doch eigentlich selbst nichts auf die Reihe gekriegt. Meine Nächte sind gesäumt von leeren Flaschen und Spaziergängen ohne Ziel, höchstens mal mit Zwischenstopps in irgendwelchen Kneipen, in denen die Stunden vergehen gelassen werden, bis irgendwann dann doch die Augen zufallen und die Stirn auf klebrige Holztischplatten fällt.

Wie es wohl in den Köpfen derer aussieht, die schlafen können ohne vorher vor Erschöpfung zusammenbrechen zu müssen?

Trotz meiner alkoholinduzierten Redseligkeit, diesem hochgestochenen Buchstabensalats, hält meine freundschaftliche Begleiterscheinung inne und sagt langsam: „Weißt du, jetzt hast du eigentlich was ziemlich Kluges gesagt. Du bist immer still, aber deine Gedanken hören nicht auf zu rasen. Man muss dir nur die richtige Bühne geben, dann würdest du aus dir herauskommen.“ Vielleicht hat sie Recht. Dann ist vielleicht die Straße auch meine Bühne und die Laternen sind meine Zuhörerschar. Ich nicke kurz, trinke Kopfschlussmedizin aus braunem Glas. „Ja. Vielleicht.“

Wir sagen nichts mehr und wandern weiter. Sie redet viel und ich höre zu, während sie gegen den Teufel Welt anspuckt. Aus ihrem Mund entweicht altkluges Wissen aus angepisstem Zynismus einer, die schon in jungen Jahren Enttäuschung als die treueste Seele in dieser so kargen Jugend erkannt hat. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht weiß sie auch gar nicht, was sie da sagt und verurteilt willkürlich, weil alles besser scheint als Akzeptanz. Wer kann es ihr auch verübeln, wurde sie doch zerkaut und ausgespuckt, während sie eigentlich immer nur auf der Suche nach einem Zuhause war. Das findet sie dann jetzt etappenweise in gestrandeten Seelen wie mir, die sie um sich scharrt wie eine Wölfin ihr Rudel. Ihr Lachen immer eine Nuance zu laut und ihre Geschichten einen Tick zu ausschweifend. Was eigentlich Sache ist bleibt unklar, die Grenze zwischen Vergangenheit und ausschmückendem Begleitwerk verläuft so schwimmend, wie ein Tropfen roter Farbe in einem tosenden Meer. Gar nicht mal so schlecht, denn warum bei der Wahrheit bleiben, wenn der Wert einer Geschichte sich doch darin misst, wie spannend sie erzählt wird.

Ich dagegen schweige.

Ich wünsche mir Gefühle in einer Intensität, die mich zerreißt. Ich wünsche mir Unendlichkeiten, die mich durch ein Leben treiben, dessen Konturen ich nicht einmal im Ansatz begreifen kann. Ich wünsche mir einen „Aus“-Schalter, wann immer ich ihn brauche, eine Decke aus Wolken, die sich um mich legt, mich vor all dem Scheiß beschützt, mit dem wir täglich konfrontiert werden. Ich wünsche mir eine Seifenblase, die sich um uns legt, damit wir die Sorgen des Alltags vergessen, all den Schmutz auf den Straßen, der gestern noch so romantisch aussah.

Ich erbreche meine Gefühle zu meinen Füßen und wünschte, dass sie Vodka wären.

Im Regen glitzernder Lichtpunkte fließen wir ineinander, gleiten Körper an Körper vorbei und rauschen durch das Meer der Sinne.

Diese Stadt ist von einem Atem gekennzeichnet, der so flach und stoßweise geht, dass man ihn oft kaum hören kann. Sie atmet Leben ein, und haucht diese wieder verstreut in alle Welten, so feine Aspirationströpfchen, die man schwerlich mit den Augen erfasst, und im Gewimmel der Staubkörner, die im Wind sich drehen, sofort verliert.

Die Hand die gestern meine hielt, hat nur noch dadurch Bestand, dass ich ihren Restdruck zwischen den Fingergliedern spüre.

Ich bin an einem Ort aufgewachsen, der mich nach Verlassen des sicheren Umfelds von Schule und dortigen Kindheitsbekanntschaften nur noch an das Marseille in Anna Seghers Transit erinnerte. Wer diese Zwischenstation betritt, trennt sich ab von Zeit und Raum, fällt in diese Welt voller Berührungspunkte, die aber weniger mit den Menschen an sich, als mit dem Anwesendsein in derselben Stadt zu tun haben. Während sich die Marseiller Kaffeehäuser voller Heimatloser füllten, die darauf gieren, sich zwischen Pizza und Wein ihre Überfahrtsgeschichten zu erzählen, um damit zu verarbeiten, was erlebt ist, finden sich hier die Bars voller Menschen, sitzen sie hier drei Tage lang innerhalb derselben Läden an den Kanälen, um Musik und bunte Lichter zu tanken.

Es hat seine Gründe, warum einige Menschen hierherziehen, und sich in gewissen Etablissements und Kreisen ein-, und dabei sehr gut zurechtfinden. Ich glaube, selbst, wenn man mehr oder minder zufällig in diese Kreise rutscht, fühlt man sich nicht ganz grundlos von ihnen angezogen. Trotzdem, es ist ein eher unfreiwilliges Hineinfließen in oberflächliche Kurzlebigkeit. Immerhin haben diese Hinzugezogenen erst einmal alles hinter sich lassen müssen, um in diese neue Welt eintauchen zu können. Sie haben sich von den Menschen, die sie gewohnt waren, die sie gekannt haben, verabschiedet, sei es um den Akt des Neuanfangens willens, sei es, um etwas zu verlassen. Oder vielleicht sogar beides. Die Schnelligkeit, mit der sich die Dinge hier entwickeln, stelle ich mir in einer solchen Situation sogar recht angenehm vor. Würde ich gehen und ein neues Umfeld suchen... ich wäre, so denke ich zumindest, weitaus weniger ängstlich und einsam, wenn sich mir recht schnell die Türen öffnen, die Menschen herzlich und eine Hoffnung auf ein neues Zuhause sind. Dass ich nicht die Einzige wäre, die mit so offenen Armen empfangen würde, dass der Empfang auch Anderen gegenüber so herzlich ist, dass die Bänder zwischen einander nur recht locker geflochten würden – das stellt man zwar irgendwann fest, aber erst, wenn man sich schon längst daran gewöhnt hat. Und es hat ja seine Gründe, weshalb man gegangen ist, also wird dieses neue Leben vielleicht trotzdem dem vorzuziehen sein, was man hinter sich gelassen hat.

Für mich und meine Freunde sah das anders aus. Wir hatten uns nicht für ein solches Leben entschieden, es war eher logisch folgerichtig unter den gegebenen Umständen.



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