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Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt

Political Correctness ist eine Gefahr für Kunst und Geschichtsbewusstsein
 

Die im Titel benannte Zeile aus dem von Astrid Lindgren geschriebenen Lied „Hey, Pippi Langstrumpf“ zur Fernsehserie des bekannten Kinderbuchs hat anscheinend so mancher missverstanden. Zu verblendet scheint man zu sein, um zu bemerken, dass solche Äußerungen nur in der Fantasie haltbar sind und auch nur genau an diesem Ort ihren Platz haben sollten. Doch in den westlichen Industrieländern ist es mittlerweile Pflichtprogramm, die Utopie einer konfliktfreien Gesellschaft mit stalinistischer Perversion entgegen allen Geschichtsbewusstseins, der Kunst und Redefreiheit durchzusetzen. Es wird zensiert und manipuliert, dass dem gebildeten Menschen eigentlich ein Schauer über den Rücken laufen müsste. Aufgrund von Beschwerden und um die Literatur „zeitgemäß“ zu gestalten, werden großartige Kinderbücher umgeschrieben, teilweise fallen ganze Passagen einer Auslöschung zum Opfer. Vor allen anderen Wörtern führt „Neger“ die Liste des vermeintlich Unsagbaren an. In Die Abenteuer des Huckleberry Finn wurden neben anderen Zensurmaßnahmen alle „Neger“ in „Sklaven“ umgeschrieben und erst einmal könnte man davon ausgehen, dass das gut sei. Doch das ist ein Trugschluss, schon die Aussage des gesamten Romans wird dadurch verändert. Das Wort „Sklave“ zu nutzen setzt nämlich voraus, dass eine negative Konnotation des Umstandes erfolgt, es wird ein objektiver Sprachgebrauch genutzt, doch der war bei Huckleberry Finn nicht gegeben. Für den 12-jährigen Protagonisten war die Sklaverei ein Normalzustand, der weder von ihm noch den restlichen weißen Protagonisten sonderlich kritisch hinterfragt wurde. Mark Twain hatte die Charaktere absichtlich derart sprechen lassen, um ein reales, ernüchterndes und anprangerndes Bild der Zeit zu schaffen. Diesen Umstand nachträglich zu ändern ist zum einen die Verfälschung einer künstlerischen Aussage, als auch des historischen Kontextes an sich. Ebenso erging es Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, die „Negerprinzessin“ wurde zur „Südseeprinzessin“ und in Preußlers Die kleine Hexe verkleideten sich bis zur Überarbeitung Kinder als „Negerlein“, anschließend wurden sie in „Messerwerfer“ verwandelt, wie immer diese kreative Umgestaltung auch zu Stande kam. Bestimmte Bücher werden nun einmal in bestimmten gesellschaftlich-historischen Kontexten geschrieben. Die aufgeführten Bücher, die unbestreitbar grandiose, identifikationsstiftende Inhalte haben, können doch gerade ein Anlass sein, den eigenen Kindern diese Entwicklungen zu erklären, statt sie denkfaul auszusparen, als wenn eine Zeit in der „Eskimo“, „Zigeuner“ und „Neger“ geläufige Alltagsbegriffe waren, nicht existiert hätte. Vielleicht mag der eine oder andere sagen, dass solche Umstände schwierig zu erklären seien und Kinder darüber hinaus leicht zu beeinflussen sind. Das stimmt, aber anstrengende Auseinandersetzungen gehören zum Lernprozess, keiner bringt Kindern bei Rassismus zu überwinden indem man ihn verheimlicht.

Zudem greift Political Correctness nicht nur in das Leben von Kleinkindern ein, auch Erwachsene, bei denen ein reflektierter Umgang mit Geschichte eigentlich vorausgesetzt werden sollte, werden bevormundet und vor der grausigen Diskriminierung durch Bauwerke und Ölgemälde geschützt. Im Amsterdamer Rjiksmuseum wurden die Titel der historischen Bildersammlung umbenannt, damit die Besucher nicht länger verstört werden. Aus dem „Negerdiener mit Parasol“ ist „Schwarzer Mann mit Parasol“ geworden. Endlich muss kein Besucher mehr fürchten derart negativ von einem 1742 gemalten Bild emotional aufgewühlt zu werden. Die Gefahr ist schließlich auch allgegenwärtig, wer hat noch nicht von den zahlreichen Besuchern von Kunstmuseen gehört, die nach der Konfrontation mit jahrhundertealter Malerei als gehirngewaschene Rassisten wieder in Alltag zurückgingen und Kreuze anzuzündeten. Auch hierzulande passiert zu Weilen viel, um verschiedene Gruppen vor Beleidigungen zu schützen, eine Bürgergemeinschaft und der Londoner Theologe Richard Harvey fordern zum Reformationsjubiläum das Entfernen eines Reliefs aus der Fassade der Wittenberger Stadtkirche, da es auch heute noch einen Angriff auf die Juden darstellen würde. Es werden kleine, durch ihre Spitzhüte als Juden gekennzeichnete, Menschen dargestellt, die an den Zitzen einer Sau saugen. Da das Schwein im Judentum als unrein gilt, eine doppelte Beleidigung, die auch als solche gemeint war und von Martin Luther zu seiner Zeit ebenfalls ambitioniert weiter entfacht wurde. Doch diese Überbleibsel fungieren als Erinnerungen und Mahnmale, sie zeigen wie die Gesellschaft einmal beschaffen war und wo sie nun steht. Entscheidungen dieser Art werden nirgendwo angekündigt, sondern aufgrund von Beschwerden Einzelner oder in gefährlicher Vorahnung von höheren Instanzen einfach durchgesetzt, sie werden uns aus Angst aufgedrängt, wie der forcierte Sprachwandel, welcher aktuell von Statten geht. Aus einem „verhaltensgestörten“, wurde ein „verhaltensauffälliges“ und mittlerweile ein „verhaltensoriginelles“ Kind. „Penner“ wurde in „Obdachloser“ gewandelt und soll nun in „Wohnungssuchender“ geändert werden. Es wird alles unternommen, um einem verletzenden, in irgendeiner Form negativen, Wortlaut vorzubeugen. Doch das hat auf diese Weise noch nie funktioniert, auch bei „Wohnungsuchender“ wird man zukünftig das stereotype Bild eines ungepflegten, am Straßenrand kauernden Biertrinkers vor Augen haben. Es wird nur schwieriger überhaupt eine Differenzierung vorzunehmen. Ein „verhaltensorigenelles“ Kind kann nach dem semantischen Wortgehalt alles sein, das sich in irgendeiner Form außerhalb der Norm bewegt. Wir wollen mit der Nutzung aber negative Verhaltensaspekte hervorheben. Mit „verhaltensgestört“ meinten die Lehrer in den Elterngesprächen damals in der Regel nicht die überambitionierten

Lern-und-Lesekinder, die eigenbrödlerisch ihren Spezialinteressen nachgingen und sie werden diese Kinder auch weiterhin nicht gedanklich einschließen wenn sie das Wort „verhaltensoriginell“ nutzen. Eine Umstrukturierung von Stereotypen muss zuerst im Kopf stattfinden, anschließend entwickelt sich auf natürliche Weise ein anderer Sprachgebrauch. Es sind Gedankenbilder und nicht bestimmte Worte, die tatsächlich stigmatisierend wirken.

Durch diese Einschnitte werden wir massiv entmündigt, uns wird die Fähigkeit abgesprochen eigenständig diskriminierende Inhalte bewältigen zu können. Einigen ist dieses Phänomen vielleicht aus dem Elternhaus bekannt, man versuchte eine Tätigkeit zu erlernen, wie ein Vogelhaus zu bauen, und dann griff beispielsweise der Vater ein, sagte einem, dass man das nicht richtig mache. Der Vater nahm den Hammer an sich und man selbst fühlte sich als Versager. Vielleicht hätte man einige Versuche gebraucht und Frustrationsmomente bewältigen müssen, dennoch, irgendwann hätte man es geschafft. Idealerweise unter Anleitung. Durch Entmündigung können wir gar nichts, werden in einer liebevollen Blase großgezogen in der die Schattenseiten der Menschheit niemals stattgefunden haben, alle Spuren sind getilgt, lediglich abstrakt theoretisiert kommt man im Pubertätsalter noch über Unterricht damit in Kontakt, und das ist schon schrecklich genug. Eventuell sollten wir das Wort „Krieg“ in den Schulbüchern gegen etwas weniger verstörendes wie „Gesellschaftskonfrontation“ austauschen.

Vielen mag diese Entwicklung als nicht unbedingt dramatisch erscheinen, doch das Gegenteil ist der Fall. Wer die Zensur in kleinen Bereichen duldet, die laut Grundgesetz in unserem Land eigentlich gar nicht stattfinden dürfte, öffnet ihr Tür und Tor. Es liegt ein dystopischer Geruch in der Luft. Die PC-Kultur weist eindeutige Züge auf, die schon einmal literarisch in George Orwells Roman 1984 umrissen wurden: Das Wahrheitsministerium schreibt die Geschichte um, Zeitungsartikel, Dokumente und mehr werden dort korrigiert und neu gedruckt. Jeder sollte sich schnell noch ein Exemplar kaufen, bevor irgendwer Anstoß daran nimmt und es anschließend nur noch zensiert zu kaufen ist. 



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