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Gerald Koll


geraldkoll

Himmel und Hölle am Huayhuash

Die peruanische Anden-Kette Cordillera Huayhuash bieten Wanderern reichlich Eisgipfel, Gletscher und Lagunen. Elf Tage dauert der Rundweg in einer Höhe zwischen vier- und fünftausend Metern. Er führt auf allerlei Balkone, Bolzplätze und manchmal ins Bodenlose.

 

Tag 7, ein Gewitter reißt die Heringe aus dem Boden, hebt das Küchenzelt und verschüttet einen Topf Estofado. Wir werfen uns auf die Planen und reißen an Riemen. Sobald alles vertäut ist, verkriecht sich jeder in sein Zelt. Bergführer Miguel besucht mich und faltet die Wanderkarte auseinander, um die Route zu erklären. Wo Peru sei, will ich wissen. Wo es wirklich sei. Miguel kaut auf einem Koka-Blatt, dann faltet er die Karte zusammen: in jedem Berg des Huayhuash schlage das Herz von Peru, besonders aber im Michelangelos Pietà von Lampa und im Riesenfrosch, der im Titicacasee lebe. Schade, sage ich, Lampa und Titicacasee lägen doch ganz woanders, am entgegengesetzten Ende des Landes. Das stimme, sagt Miguel, er sei noch nie dort gewesen - leider! Und geht.

Der Hagel prasselt auf mein Zeltdach, als wären es Frösche. Miguel ist mir ein Rätsel. Das war schon vorgestern so. Da sprang und tanzte er über den Platz, als wäre es normal, auf 4.365 Metern über dem Meeresspiegel zu dribbeln und sprinten. Ich lief an und sank auf die Knie. Am Matterhorn stiege ich auf dieser Höhe über Stein und Eis. Hier aber stand struppiger Rasen. Die Hälfte des Rundwegs lag hinter uns, die andere Hälfte der 160 Kilometer und 9.000 Höhenmeter vor uns. Wir spielten Drei gegen Drei. Hinter unserem Tor wellte sich die olive Weide der Maseta Majada. Eine Hirtin mit hohem Hut leuchtete im Maisgelb und Karminrot ihrer Röcke. Hinter Schafen gleißte ein Gletscher. Abseits vom Bolzplatz sprudelte heißes Wasser aus natürlicher Quelle in Badebecken. Ihr Wächter verkaufte Bier und Cola, was brauchten wir mehr? Ach ja: Luft. Die ist knapp hier oben. Und dünn und trocken. Luft kommt nicht von allein, man muss sie holen, Zug um Zug, Schritt für Schritt. Beim ersten Schuss war klar, dass dieses Spiel ein Fehler war.

Munter lächelten unsere Gegner, Miguel und zwei weitere Bergführer. Kurz zuvor wirkten sie noch geknickt. Da trauerten sie um die Heimat, denn Peru war in der WM-Qualifikation seinem Derby-Rivalen Bolivien unterlegen. Während der Reportage wurde es immer stiller rund ums Radio im Mannschaftszelt. Als die Sonne aufging, beschlug Caballero Samuel stumm sein unbändiges Pferd, trübe verzurrte Eseltreiber Omar die Gurte, trocken kommandierte Miguel: "Vamos!" Jetzt aber, beim Spiel gegen die atemlosen Europäer, wirkten sie heiter. Wir nicht. Das Glück aber war nicht gerecht, sondern bei uns.

Wir siegestaumelten in den Pool - ein Waliser, ein Schweizer, ein Deutscher. Durch Dampf starrten wir auf Alpakas, die auf uns starrten: Steiff-Tiere zwischen Lama und Schaf. Betörend war diese Ruhe, so ganz anders als fünf Tage zuvor, als sich unsere Reisegruppe durch das üppige Getümmel des engen Chiquán schob, das inbrünstige Chiquán, das mit Gebet und Geschrei die Heilige Rosa von Lima pries, das aufbegehrende Chiquán, das jährlich irgendeinen armen Wicht zum Würdenträger kürt, um ihn auf ein Pferd zu setzen und mit Tomaten zu beschmeißen, das ausschweifende Chiquán, in dem ein Bergfreund untertauchte und versank in 'Anbetung von Büsten', wie er telefonisch gestand. Wir kamen aus Huaraz, der Bergsteigerstadt. Auch sie war längst entrückt, dieser heischende Markt hupender Dreirad-Taxen, die von Karussells abgeschraubt zu sein schienen. Wie gellend klang das ganze Land seit der Ankunft im lärmenden Lima! Nun aber, im siedenden Becken mit Bergblick, herrschte stiller Friede. Leise fiepste etwas. Das waren unsere Lungen.

Schlechter ging es einem Franzosen, der nicht mitgekickt hatte. Sein Kopf dröhnte, sein Magen grimmte. Der Hobby-Kletterer, der schon Nepal bereiste, hatte in Peru keine Zeit eingeplant für Akklimatisierung. Jetzt machte ihn die Höhe krank. Fortwährend fragten wir nach seinem Befinden, wir zartfühlenden Inquisitoren. Wer dauernd seine Schwäche gestehen muss, kommt nie zu Kräften. Er hätte Soroche, wie Einheimische die gefürchtete Höhenkrankheit nennen, vorbeugen können. Huaraz lag dreitausend Meter hoch. Vor der Stadt, eine Schwelle von 800 Metern höher, stand der kleine Wilcacocha; zu überwinden war lediglich ein Zöllner, der eine Schnur über den Weg gespannt hatte und einen Karamellbonbon verlangte. Er war etwa fünf und weinte sehr. Auf 4.650 Meter führte der Weg zur bildschönen Lagune 69. Noch einfacher ging es mit dem Bus, der Touristen über eine 5.000 Meter hohe Kuppe zur Ruine Chavín de Huantár fuhr. Dorthin strömten Pilger, lange bevor die Inkas ihre Kultstätten in Machu Picchu und Cusco errichteten, lange auch vor Christi Geburt. Steinerne Stelen mit Gravuren von Puma, Kondor und Schlange deuteten auf naturnahe Religion, ein Tempel mit raffiniertem Belüftungs-Labyrinth bezeugte die technische Hochkultur der indigenen Urahnen. Ein paar Tage hoch und runter, und Soroche war gebannt. Solche Ausflüge kosteten zehn Euro, inklusive Transfer nach Huaraz.

Im Huayhuash sind wir immer oben. Zwölf Stunden nach dem Bad, dem einzigen der Tour, keuchten wir wieder mit geschrumpelten Lippen. Auch die Neuseeländer Vicki und Chris, 58 und 66, knieten oft nieder, aber nur, weil die nimmermüden Weltreisenden mit ihren Makro-Objektiven die vitale Flora einfangen wollten: alles so schön bunt hier, zudem medizinisch heilsam. Denn wir waren in den Tropen, zehn Breitengrade südlich vom Äquator, auf gleicher Linie mit Sansibar und Java. Anfang September ließ die Regenzeit noch auf sich warten. Es war tagsüber mild. Wir federten über Polster aus Moos, rochen an Eukalyptusbäumen, Büsche blühten gelb, auch Orchideen. Nur nicht nach den Namen fragen, denn Vicki kannte sich zu gut aus und listete dann die Pflanzenwelt der Anden und des Amazonas auf. Da war sie schon! Da müsse man hin! Während Vicki naturkundelte, wurden Agaven und Gräser spärlich und der Boden steinig. Über Geröll schlurften wir bis zum Pass. Auf fünftausend Meter verbrauchte der Waliser seine letzte Kraft für einen morbiden Kalauer und griff sich ans Herz: "Andena pectoris." Doch am Gipfel schien sich eine Gardine zu öffnen: Zacken, Eis, Lagune! Wieder mal rasteten wir auf einem "Balkon", auf Fühlung mit Sechstausendern.

Auf so einem sonnigen Balkon lagen wir einmal auf Horchposten. Da knackte es gegenüber im spitzgipfligen Nevado Jirishanca, als würde ein Wald Bäume gleichzeitig gefällt: Eine Lawine schüttete Schnee ins Wasser. Die Lagunen waren oft opak, blau wie Lapislazuli, grün wie frisches Avocadofleisch, je nachdem, welche Mineralien und Salze einschwemmten. Sie lagen oft hintereinander, wie Schalen eines Tuschkastens. Es war hypnotisierend, mit den Blicken den Falten, Farben und Formationen zu folgen, die Jahrmillionen in die Felsen legten, wuschen, wehten. Ein Kondor kreiste, segelte über eine Klippe und schwenkte zur Schneeflanke von Perus zweithöchstem Berg, dem Nevado Yerupaja. Es machte müde, so auf dem Balkon zu dösen. Während ich einnickte, kriegte ich Sonnenbrand. "Vamos", weckte Miguel. Meine Faszination an Lawinen teilte er nicht. Es gebe immer mehr davon. Kalbende Gletscher machten Bergsteigen gefährlich.

Für Gefahr war eigentlich der Siula Grande zuständig. Eine Pilgerstätte für Bergsteiger. Er ist berüchtigt wie kein anderer Ort der Anden. Der Schauplatz dramatischer Ereignisse, berühmt geworden unter dem Titel "Sturz ins Leere", lag mehrfach in Sichtweite: in 6.344 Metern Höhe und oft im leinwandweißen Nebel. Dorthin projizierten wir die Bilder, die das Dokudrama nachgestellt hatte: wie Joe Simpson in eine Spalte stürzt; wie er mit geborstenen Knochen am Seil von Simon Yates hängt; wie Yates das Seil kappt. Als der Nebel sich lichtete, sahen wir den Elefantenkopf-Gipfel des Siula Grande. Niemand von uns konnte sich vorstellen, dort hinaufsteigen zu wollen. Schon gar nicht, als wir das Basiscamp besichtigten, wo Simpson und Yates im Juni 1985 aufbrachen.

Die Bergkulissen waren Kinolandschaften. Traumfabrikanten wurden im Panoramaland Peru fündig. Das Filmstudio Paramount wählte für sein sternumkränztes Erkennungsbild vermutlich den Artesonraju, ein schmuckes Exemplar aus dem Nachbar-Gebirge. In dieser Landschaft war nichts davon zu spüren, dass Peru seinen Nachbarn Kolumbien als weltgrößten Kokainproduzenten abgelöst hat. Hier war das Land nicht Drogenbaronen überlassen. Auch der Kampf gegen den Terror der "Sendero Luminoso" lag hier eine Generation zurück. Die Grenzposten im Nationalpark Huayhuash kassierten lediglich im Auftrag ihrer Kommune Gebühren für Hege und Hygiene der Lagerplätze. Sie trugen Gewehre. Mit dem Geld nahmen sie es genau. Mit der Hygiene der Plätze weniger.

Wir fühlten uns sicher. Wir gingen am Gängelband des Agenturpersonals. Wir verzehrten, was Esel schleppten: fünf Mahlzeiten am Tag, Kisten voll Gemüse und Säcke von Kartoffeln, die sehr unterschiedlich schmeckten - Peru kennt dreihundert Sorten. Jeden Morgen bekam jeder von uns einen Beutel mit Obst und Schokoriegel. Solche Dekadenz wurde auffällig, wenn, selten genug, Einheimische den Weg kreuzten. So einer war ein Viehtreiber, der sich kess 'El Mundo' nannte, 'Die Welt'. Verdrossen galoppierte er einher, eine Hand am fauligen Gebiss. Den Sommer verbrachte er in einer einsiedlerischen Lehmhütte. Er klagte, der nächste Zahnarzt sei Tagesritte entfernt, und unerreichbar sei auch der Schamane, auf dessen Rezept er zwei Meerschweinchen opfern könnte. Für mein Paracetamol bedankte sich El Mundo mit einer Wettervorhersage: "Morgen Regen, 100 Prozent." Und so kam es.

Dann kam Miguel, erwähnte Riesenfrosch und die Skulptur der Schmerzensreichen und ließ mich zurück mit Träumen vom Titicacasee, bis der Hagel aufhörte.

Am Abend lässt tiefe Sonne die Bergflanke erröten. Da bei unserem Rettungseinsatz ein Reißverschluss im Speisezelt kaputt ging, steht die Abendgesellschaft im Luftzug. Der ist noch kälter, wenn der Himmel so klar ist wie heute. Vicki spazierte eben um die Lagune - darin leben Fische, und Vicki ist Fisch-Flüsterin. Jetzt wärmt sie für uns, die in Mützen und Handschuhen bibbern, Erinnerungen an "wirklich eisige" Nächte auf: In ihrer Jugend habe sie die Wahl gehabt, morgens in hartgefrorene Socken zu steigen oder diese Socken kurz in warmes Wasser zu legen und nass anzuziehen ... Zitternd suchen die Lichtkegel unserer Stirnleuchten die Schlafzelte. Durch das Dunkel schreit ein Fuchs. Aus dem Küchenzelt der Peruaner klingt Huayno-Musik, die scheppernde Folklore der Anden, stiebend vor Bläsern und Trommeln, fiebernd vor Sehnsucht - ja, drüben, wo schmackhafte Quinoa kochte, ist jetzt ein warmer Ort.

Millionen müssen nachts raus. Müde schäle ich mich aus dem Schlafsack, den ich mir mit Klamotten, Fotoapparat und Akkus teile. Beim Öffnen der Zelttür rieseln Eiskristalle aufs Gesicht. Draußen ist es stockdunkel und steinkalt. In diesen Stunden gehört der Platz den Hunden. Puma und Bär fressen anderweitig, sie sind nicht das Problem. Aber hoffentlich weiß Wachhund Leila, dass ich Freund bin und nicht Feind oder Fuchs. Klammes Trippeln zum Bach. Entspannen und zum Himmel aufschauen. Dem Mann im Mond mag es gehen wie uns: bei Sonne frittiert, im Schatten tiefgefroren. Ringsumher Sterne, ungestört von Streulicht. Neben der scharf sich abzeichnenden Milchstraße liegt der Orion am Horizont, so stilllebend wie sonst nur unser Esel Jesús nach Feierabend. Er begrüßt den frostigen Morgen mit rostigem Schrei. Miguel sagt, die Nächte seien wie Frosch und Pietà: ein wenig Hölle, ein wenig Himmel.

Es sind die Nächte des Huayhuash, die den Wanderer zermürben, nicht die Tage (sofern man nicht gerade Fußball spielt). So kalt wird es selbst nicht am Titicacasee werden. Das weiß ich schon eine Woche später. Hoch liegt das höchste schiffbare Gewässer der Welt und seine Inseln, viertausend Meter über Meereshöhe. Aber dort wird mich Wärme umgeben. Heiß wird Eintopf brodeln im Kupferkessel über offenem Herdfeuer, geschürt vom Blasebalg von Mama Ines, der Herbergswirtin auf der Insel Amantaní. Nachts wird mich ein robuster Poncho bedecken, wenn wir zum Tanz ausziehen und uns zu Panflöten drehen, erhitzt von Macchu-Tee (mit dem obligaten Koka-Blatt). Kalt wird der Heimweg sein, kalt die Nacht auf der Uros-Insel, gebaut auf schwimmenden Schilfsoden, wo alles fade Folklore und falsch ist, außer das Rheuma des Insulaners, aber alles wird wärmer sein als die Zelt-Nächte im Huayhuash-Gebirge.

Tag 8, Huayllapa: Wir verlieren die Revanche mit 3:6 trotz optimaler Bedingungen. Das Feld ist ebenmäßig und niedrig (3.490 m). Wir sind satt von Sauerstoff, vielleicht auch von den Pfannkuchen, die Koch Amador heute zum Frühstück briet. Tückisch. Vielleicht stehen wir auch unter Kulturschock: Mit Huayllapa betreten wir die Metropole der Gegend. Das Dorf mag mit seinen 50 Familien überschaubar sein, aber beim Krämer findet Miguel eine passgenaue Hülle für sein Handy.

Die Dürre, unter der Peru leidet, ist Huayllapa fremd. Berge schmiegen es ein, Gletscher bewässern die Gärten. Frauen und Kinder scheuern Wäsche am Brunnen, Männer blasen Tuba, Großmütter in Glockenröcken sitzen auf Türschwellen und lassen Spinnrocken rotieren. In seiner Armutsidylle wirkt es fast wie ein Märchen. Zumal: Huayllapa leiht uns einen Ball. Dass unsere Hau-drauf-und-hau-weg-Strategie diesmal nicht greift, hat einen Grund. Er heißt Miguel, der Teufelskerl.

Bergführer Miguel behauptet, er sei unser Engel. Sein zweiter Vorname bescheinige das. Miguel Angel Cruz kennt den Huayhuash, der keine Markierungen kennt. Er wählt lieber Nebenwege. Auf Hauptwegen verkehren Esel. Wo Esel laufen, fällt Mist. Wo Mist liegt, schwirren Bremsen. Bremsen beißen. Auf Nebenwegen entkommen wir ihnen.

Unter Miguels Leitung wandert es sich trocken, sofern ich im Bach punktgenau auf jenen wackligen Stein springe, der für das 57-Kilo-Federgewicht Miguel ausreicht. An Steilhängen, bei denen ich mich an Büschel, Strauch und Brocken festklammere, steckt Miguel lässig beide Hände in die Taschen. Ich kritisiere das, da es mich demütigt. Miguel entschuldigt sich damit, seine Hände seien etwas kühl. Ihn zu erwischen, ist schwierig. Keine meiner Grätschen fällt dieses wendige Schlitzohr.

Miguel hat Haare aus Pech und Augen aus Glut. Mit einer Körpergröße von 154 Zentimetern ist dieser 30-jährige Peruaner sogar kleiner als ich. "Migi, komm' Tiere anschauen", habe seine Mutter, eine Quechua-Indianerin, früher gesagt, und ihn, den Mittleren ihrer fünf Kinder, an die Hand genommen - hinaus aus Huaraz, weg von den Gassen der Gelegenheitsdelikte, wo Kinder aus Pappkisten Küken verkaufen, hinauf in die Kordilleren. Dort war vieles besser, obwohl chinesische Minen Sprengladungen setzten, Bergen das Erz herausrissen, Kupfer und Eisen entnahmen und jene zerklüfteten Kadaver zurückließen, durch die wir eine Tagesreise vor Huayllapa wanderten. Drei Jahre lang besuchte Miguel die Schule für Bergführer. Kommt er heute von einer Tour heim nach Huaraz, gönnt er sich in der Grillstube seiner Mutter ein Hühnchen und danach Freizeit - am liebsten mit einem Ausflug in die Berge. Seine Freundin findet das nicht immer toll. Miguel absolvierte über 25 Mal den Huayhuash, dessen Name ein Quechua-Wort ist und "Wiesel" bedeutet.

Für ein Foul wäre Huayllapa kein günstiger Ort. Ohne Miguel fänden wir am kommenden Tag nicht den Pass Punta Tapush, vier Stunden vor und zwölfhundert Meter über uns. Und wir fänden erst recht nicht den Aussichtspunkt auf den Diablo Mudo, den Schweigenden Teufel, dessen Haupt mit einiger Fantasie anmutet wie eine erhobene Fratze. Diesen Abstecher hat Miguel selbst ausgekundschaftet. Er führt querfeldein und ist nirgends verzeichnet. Wer kennt diesen Teufel besser als Miguel? Erzengel Michael habe Luzifer persönlich bezwungen, entgegnet Miguel.

Auch ohne Miguel, ohne alle anderen, ließen sich die Cordillera Huayhuash umrunden. Es gibt solche. So einer schlägt eines Abends neben mir sein Zelt auf. Ein Bayer. Er macht sich keine Sorgen um Fußball. Er bekommt keine Staublunge beim Abstieg vom Huacrish, dessen Flanke eine Schicht feinsten braunen Puders bedeckt, denn dem Alleingeher geht niemand voraus, der Staub aufwirbelt. Er braucht nicht beim Abendessen einer Erörterung nationaler Rentenmodelle beizuwohnen. Ein Solist kauert unbehelligt mit Tütenkost beim Gaskocher. Er vertraut auf Karte, Kompass, Kondition und darauf, nicht umzuknicken. Wer sich in dieser Landschaft verläuft und verletzt, darf nicht auf Passanten oder Handyempfang vertrauen. Solisten folgen daher meistens der Straße der Esel.

Doch manchmal beneide ich den wagemutigen Alleinwanderer um die Intensität. Um mich vor dem Huayhuash auszuprobieren, sprang ich in Huaraz in ein Sammeltaxi und rumpelte für ein paar Münzen aus der Stadt, geklemmt in ein Knäuel dicker Frauen in rotunden Röcken. Im erhabenen Atem der Einsamkeit wollte ich auf ein Hochtal der Cordillera Blanca steigen, die Quebrada Ishinca, 5.000 Meter hoch. Eine hackende Bäuerin wies mir die Richtung. Vielleicht hing mein Blick zu sehr an ihrem hohen Hut, verziert mit Kokarden und Quasten, unter dessen Krempe Zöpfe quollen, schwarz und fest wie geteerte Schiffstaue. Jedenfalls verlor ich den Weg. Vier Stunden lang sah ich niemanden, außer, am Ende des Trampelpfads, eine Rinderherde. Dummes Irren hin und her. Der Rucksack mitsamt Zelt und Zeug drückte. Dauernd keuchte ich asthmatisch, gestützt auf den Stock. Binnen zwei Tagen und einer Nacht kam ich hoch und wieder runter, aber am Ende kam ich mir vor wie Reinhold Messner nach dem Nanga Parbat. Im Bergdorf Collón stand ich mit erhobenen Steinen im Kreuzfeuergebell fletschender Hunde. Nein, für einen elftägigen Solo-Trek war ich nicht gewappnet.

Tag 11. Die Krankenakte unserer siebenköpfigen Wandergruppe verzeichnet nur kleine Blessuren. Bandagen stützen die Fußknöchel von Vicki & Chris. Der höhenkranke Franzose sitzt recht kummervoll auf einem Pferd. Ins Ziel, ein Dorf namens Llamac, gelangen wir erschöpft aber nicht geschunden. Nicht geschunden, aber geschlagen. Unser drittes und entscheidendes Spiel ging am Vortag 5:6 an die Auswahl von Peru. Ein kleiner Triumph war es dennoch: Beim Spiel nahm Miguel, der vorzügliche, die Hände aus den Taschen.

Zurück in Huaraz, kippe ich ein paar Pisco Sour, zügig, um schnell in den Süden zu fliegen: zum Titicacasee, zunächst an sein stilles Nordost-Ufer. Es hat keine Touristen oder schicke Strände. Buchstäblich jeder Mensch - der Kleinstädter mit versilbertem Schneidezahn wie der gegerbte Schilfbauer - grüßt den einsam wandernden Exoten aus Europa. Viele blicken tief in seine Augen, fragen nach Woher und Wohin, manche bieten für drei Euro ein Dach für die Nacht. Peru wirkt dort belassener, puristischer als anderswo. In der Tiefe des Sees schwimmt der Riesenfrosch, groß wie ein Kinderkopf, gehüllt in zu viel und schlotternde Haut, als trügen dort auch Frösche Ponchos. Beliebt ist er an Saftständen, wo er, grässlich anzuschauen, in Mixern püriert wird. Das Elixier des Froschs soll als "Viagra Peruano" Heil- und andere Kräfte stimulieren. Eine Autostunde vom See entfernt steht die Pietà, eine vom Vatikan abgesegnete Kopie von Michelangelos Skulptur der Mater Dolorosa, der Schatz des öden Lampa, wo kalter Wind den ortseigenen Kalvarienberg hinauf pfeift. Marie trauert um den Leichnam Jesu in selbeigener Kapelle, auf der Kuppel eines Schachts, dessen Innenwände Schädel und Skelette auskleiden. Pietá und Frosch, beide wirken monströs und melancholisch, etwas deplatziert und schutzbedürftig. In ihnen also schlägt das Herz Perus, glaubt Michelangelos Namensbruder Miguel Angel. Ich vermute, es schlägt in ihm.



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