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Florence is For Lovers -  Ein Spaziergang

"Ich bin den ganzen Tag in Florenz herumgeschlendert, mit offenen Augen und träumendem Herzen." Heinrich Heine

 

Ponte Vecchio

Ich würde gerne ausführlich berichten: Von den besten Restaurants, die nur die Einheimischen besuchen, von Attraktionen, die nicht von Touristen aus aller Welt überrannt werden, von den versteckten Winkeln der Stadt, die das cremigste Eis zu bieten haben. Aber: Ihr habt alle TripAdvisor, ein dubioser Ort, wo man sich mit "Insidertipps" erschlägt. Dennoch sitze ich hier und versuche einen Artikel zu schreiben um dich davon zu überzeugen, diese Stadt zu besuchen. Warum? Der gute alte Heinrich hatte hierauf schon die Antwort:

"Ich bin den ganzen Tag in Florenz herumgeschlendert, mit offenen Augen und träumendem Herzen."

Ich tat es ihm gleich. Naja, zumindest nachdem ich den geschäftigen Hauptbahnhof samt McDonalds-Souvenir-Touri-Wahnsinn hinter mir gelassen hatte. Doch selbst der, der im Februar nach Florenz reist, wird schon zu Beginn seiner Reise, sobald er aus den abgedunkelten Hallen tritt, belohnt: Zarte, aber warme Sonnenstrahlen fluten die Straßen und lassen die eigensinnige Dame Frühling erahnen. Die Gassen sind belebt, aber man schiebt sich nicht aneinander vorbei - fährt man ein paar Monate später, sieht das schon anders aus. Ich empfehle dir Google Maps auszuschalten und dich treiben zu lassen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Florenz eine der wenigen Städte ist, die ihren eigenen Puls auf ihre Besucher überträgt - und der ist uritalienisch: plötzlich pochend und rasend, nur um im nächsten Moment in ewiger besonner Gleichmütigkeit weiter zu fließen.

Auf dem Weg in die Innenstadt wirst du unweigerlich auf die Kathedrale von Florenz treffen. Auf dem Platz davor ist es hektisch; Fotos, die geschossen und mit den immergleichen Filtern übermalt werden, Gedränge und hocherhobene Selfiesticks, kurzum: Man hat das dringende Bedürfnis zu flüchten... wäre da nicht dieses monumentale Bauwerk, das einem den Atem anhalten lässt. Das Grün, die Ornamente, sie strahlen dir entgegen und man kann sich partout nicht satt sehen. Will man dem hektischen Selbstdarstellungstreiben aus aller Herren Länder entgehen, eignet sich nichts mehr als ein Besuch in das Innere der Kathedrale. Nimm dir Zeit! Komm zur Ruhe! Auch wenn es dir schwer fällt. Auch wenn du nicht religiös bist. Ruf dir ins Bewusstsein, dass du hier ein Stück Geschichte hautnah erlebst. Also pack das Handy weg. Staune! Mein grundsätzlicher Appell auf allen Reisen und besonders hier in Florenz.

Verlässt du die Kathedrale empfehle ich dir weiter in Richtung Wasser zu flanieren, wir werden später nochmal hierher zurückkehren. Vorbei am Palazzo Vecchio, wo du nicht den selben Fehler machst wie ich und dir ein Eis für acht Euro kaufst, kannst du dort Touristen beobachten, die sich angesichts ihrer halsbrecherichen Verrenkungen für DAS eine Foto vor der Davidsskulptur vor den Einheimischen lächerlich machen. (Ich möchte an dieser Stelle nicht als Kunstbanause da stehen, aber ich würde mich an deiner Stelle nur dann in eines der überfüllten, wenngleich unbeschreiblichen Museen drängen, wenn das Wetter entweder unerträglich heiß oder unterträglich schlecht ist

Unweit vom Palazzo Vecchio empfängt dich das Wasser. Die Brücken von Florenz bieten nicht nur ein malerisches Bild, wie sie die Alt- und Neustadt verbinden, sie laden auch zum Verweilen ein. Der Arno wird nicht von Booten durchpflügt, nur hie und da ein Kanufahrer, der die glatte Wasseroberfläche kontinuierlich mit zarten Wellen stört, während die wilden Reflexionen sich links und rechts auf den gewaltigen Häuserfassaden gegenseitig jagen. Weißt du, wie der Ausspruch von Heine weitergeht? "Ich bin den ganzen Tag in Florenz herumgeschlendert, mit offenen Augen und träumendem Herzen. Sie wissen, das ist meine größte Wonne in dieser Stadt, die mit Recht den Namen La Bella verdient." La Bella, die Schöne. Eine, an der die Zeit nicht nagen kann. Spätestens wenn du hier stehst, auf der Ponte Vecchio, wirst du dies guten Gewissens unterschreiben können.

Und nun: Überquere die Brücke. Auf der "anderen" Seite der Stadt lässt es sich herrlich ausruhen, denn die Straßen sind größtenteils leer und du kannst verschnaufen. Vielleicht bei einem Glas Wein, vielleicht bei ein bisschen Pasta - die Lokale hier sind mehr von Einheimischen besucht, sodass es kein seltener Anblick ist, dass sich Kellner und Gäste lange und wild gestikulierend unterhalten, bevor man vor die Tür tritt und gemeinsam eine Zigarette raucht. Wenn du an dieser Stelle deine Füße noch spürst und noch nicht im Esskoma liegst oder alternativ noch nicht die dritte Flasche Wein getrunken hast und plötzlich merkst, dass dein Italienisch eigentlich einwandfrei ist: Wie wäre es mit ein bisschen Grün? Der Boboli Garten liegt versteckt hinter dem Palazzo Pitti (Ein Museum, lass es erstmal links liegen, ok?) und ist derartig weitläufig, dass er die Tatsache, dass man sich in einer Metropole befindet, schnell vergessen lässt. Meide missmutige Schulklassen und Asiaten, deren Kameras größer sind als sie selbst, und erkunde die Gärten. Lege dich in den Schatten der Zypressen. Schließ die Augen und versuche jedem Geräusch, jedem fremdartigen Geruch nachzuspüren, nachzuschmecken.

Und jetzt steh auf und mach dich bereit, dich noch einmal ins Getümmel zu stürzen, denn es gibt noch eine letzte Sache, die ich dir nicht vorenthalten möchte, weil sie  kitschig und gleichzeitig atemberaubend schön ist. Die untergehende Sonne taucht Florenz in flüssiges Gold, das nach und nach jeden Winkel der Stadt küsst. Du bist während diesem Schauspiel auf dem Weg zurück in die Altstadt, zurück zur Kathedrale. Du wirst feststellen, dass der Platz wesentlich leerer ist und dir den Weg ebnet, um deinen Tag gebührend abzuschließen: Es gilt den Dom zu besteigen. Scheu dich nicht die vielen verwinkelten Treppen zu erklimmen, du wirst belohnt werden. Nachdem du die letzte steile Steintreppe hinter dir gelassen hast, wirst du bereits auf den letzten Stufen die milde Nachtluft schnuppern. Der marmorne Boden lässt dich glauben, dass du spazieren gehst in heiligen Hallen. Ein Meer aus Lichtern legt sich dir zu Füßen, in der Ferne siehst du das im Dunkeln verborgene Wasser. Nur noch gedrungen vernimmst du den Lärm der Stadt. Es ist so prächtig und makellos, dass du dich nie wieder abwenden möchtest, ich verspreche es. Du wirst dich umdrehen und sagen, als wärst du seit deinem 10. Geburtstag nicht einen Tag gealtert: "Können wir nicht länger bleiben? Es ist so schön hier." Und das ist okay. Das wusste sogar schon Heinrich Heine.

 

Nicht einmal annähernd so schön wie in Wirklichkeit.

 

 

Blick aus dem Boboli - Garten.



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