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Lara, 23, Hamburg


takemetomymothership

Vom Suchen und Finden und dem, was danach kommt

 

(c) tumblr

Ich schlafe wenig, weine umso mehr. Ich brenne. Es ist heiß. Meine Augen brennen auch, ich ernähre mich von Fünf-Minuten-Terrine, Kaffee und Club Mate. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Denke ich jeden Tag. Und kann doch immer noch weiter. Ich brenne. Ich denke: Wenn das hier vorbei ist, wird alles anders. Wenn du das hier geschafft hast, bist du frei. Das sage ich mir immer wieder. Das ist der Gedanke, der mich antreibt. Wenn du das hier schaffst, hast du es allen gezeigt.

Ich brenne.

Ich brenne dafür, das hier zu Ende zu bringen, jedem (allen voran mir selbst) zu zeigen, dass sich das alles gelohnt hat.

Also lerne ich. Und schlafe. Und lerne. Rauche Zigaretten gedreht aus Lakritzpapier. Trinke Bier. Esse Pizza. Belohne mich für jede Minute, die ich mit Lernen verbringe. Ich fahre raus aus der Stadt und treffe mich mit meiner Freundin und wir lernen. Ich sitze Nächte lang vor dem Laptop und schreibe Lernscripte, ich verbringe viel Zeit mit einem Skelett und lerne Gelenkbestandteile und Muskeln auswendig, ich bekomme einen Nervenzusammenbruch.

Ich rapple mich wieder auf. Nehme meine Karteikarten in die Hand und lerne. Wenn ich das hier geschafft habe, wenn ich das hier bestehe, dann bin ich frei. Dann liegt mir die Welt zu Füßen.

Und ich schaffe es. Ich schaffe es sogar gut. Teilweise sogar sehr gut.

Ich stehe da, mit einem Glas Sektorange in der einen und meinem Abschlusszeugnis und einer roten Rose in der anderen Hand und strahle, ich bin leicht beschwipst, weil ich heute noch nichts gegessen habe. Ich lache und strahle und bin unglaublich stolz. Ich weiß nicht wie, aber ich habe es geschafft.                                                                 

Und jetzt kann endlich alles losgehen. Richtig losgehen.


Das war letztes Jahr. Einige verwaschene, miteinander verschwimmende Momentaufnahmen meiner Erinnerung an die Zeit zwischen Mai und August. Panisches Rotieren meiner Gedanken – ich schaff das nicht, ich schaff das nicht, ich schaff das nicht – gepaart mit einem nervösen Zucken in der Magengegend, irgendwo unterm Zwerchfell, elektrisiert, ein aufgeregtes Funkeln, das mir sagt, dass ich bald eine fertige Berufsausbildung und endlich mein Leben selbst in der Hand haben werde. Unabhängiger sein werde.

Jetzt ist wieder Mai. Die Sonne beginnt zu scheinen, die Menschen, die ich kenne, arbeiten auf ihre Ziele hin, jagen ihnen förmlich nach, sind damit beschäftigt, ihren Bestimmungen nachzugehen, sich für etwas zu engagieren, zu verreisen, aufs verreisen zu sparen. Sie leben. Der Sommer kommt.                                                          

Es ist wieder Mai und ich bin gefangener als je zuvor. Ich bin gefangen in meinem Kopf, in einem Zimmer ohne Türen und Fenster, konfrontiert mit meinen eigenen unerfüllten Erwartungen.

Ich liege auf dem Rücken, starre an die Decke und fühle mich verrückt. Alles, was darüber hinaus geht, hier zu liegen, zu starren und mich verrückt zu fühlen, erfordert unendlich viel Mühe. Ich starre an die Decke, ich starre gegen die Wand. Ich starre ins Weiß, ich starre ins Leere, ich fühle mich leer. Ich starre in den Spiegel, ich wende mich ab. Ich sehe nichts. Ich starre in den Spiegel, und du starrst unverwandt zurück. Ich suche deinen Blick, suche in deinen Augen, finde nur Verwirrung. Ich habe viele Fragen. Was habe ich eigentlich gemacht in den letzten Monaten und wie kann es sein, dass ich mich immer noch in der Schwebe befinde, in einer Übergangsphase, in einem kontinuierlichen „Wenn ich erstmal dort angekommen bin und jenes erreicht habe, dann ...“?

In meinem Kopf dröhnt es, ich kann mich nicht fokussieren. Ich bin schon so lange auf der Suche, dass ich gar nicht mehr weiß, nach was. Ich will ankommen. Ich will  irgendwo ankommen, wo ich zu Hause bin, wo mein Platz ist, wo ich mich auf die Dinge verlassen kann. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, dass ein Mensch diesen Zustand überhaupt jemals erreicht. Oder wo man dann ankommt.

Ich bin unterwegs. Aber wohin?                                                                                                   

Ich habe viele Fragen, ich suche nach Antworten. Ich sitze zuhause, trinke Wein, rauche, gucke sehr viele Folgen einer Serie am Stück, damit ich mich nicht mit mir auseinander setzen muss. 

Das Nichtstun frisst mich auf. Es zerreißt mich. Das liest man ja oft in Büchern, in Texten, hört es in Liedern. Es zerreißt mich. Nur habe ich wirklich, wortwörtlich das Gefühl, zerrissen zu sein. Ich versuche, die Schnipsel meiner selbst wieder aufzulesen und zusammen zu kleben, mich ständig fragend, ob es das überhaupt gibt, mein Selbst, und wenn ja, was das eigentlich ist, wie sieht es aus, und woran erkenne ich, dass ich mit dem Auflesen und Kleben fertig bin; ich glaube, ich bin vielleicht gerade über einen See geflogen oder übers Meer, oder bin vielleicht in einen Sandsturm geraten, als ich zerrissen bin, vielleicht habe ich einen Teil der Schnipsel unterwegs verloren?                                                                                                                                       

Ich finde nichts mehr wieder, das zueinander passt. Ich halte Ausschau, gnadenlos. Manchmal denke ich: Aha! Das kenne ich, das ist vertraut, das bin ich, das könnte passen, ich nehme den Schnipsel und öffne die Klebe und freue mich wie ein kleines Kind, bis ich sehe: nein. Ein Trugschuss. Es passt nicht.

Die Teile in mir, von denen ich mir sicher war, dass sie zu mir gehören und nur zu mir, erscheinen mir fremd und verbogen.                                                                                         

Komme ich irgendwann an? Kommt jemals irgendjemand irgendwo an? 

Ich habe wirklich viele, viele Fragen.

Ich klebe fest, bewege mich aber gleichzeitig rasend schnell. Ich klebe fest in einem Netz, eigenhändig von mir gesponnen. Ich finde mich selbst unglaublich töricht und naiv, weil ich letztes Jahr um diese Zeit gedacht habe, dass nun alles losgehen wird. Richtig losgehen. Weil ich geglaubt habe, nach drei Jahren endlich irgendwo angekommen zu sein. Die Stagnation in meinem Leben und in meinem Kopf war nie größer, nie stärker ausgeprägt als jetzt.                                                                                     

War das alles?    

Ich erinnere mich an das Gefühl, letzten August, leicht beschwipst, mein Zeugnis in der Hand, stolz, glücklich, aufgeregt. Froh, diese Station hinter mir zu haben. 

Und ich ertappe mich dabei, wie ich mich zurück sehne. Ich sehne mich danach, wieder zu brennen. Ich beneide die Menschen in meiner Umgebung, die täglich einen Grund finden, aufzustehen, die ein Ziel vor Augen haben und verachte mich selbst, weil ich nicht in der Lage zu sein scheine, mir selbst Ziele zu setzen, eigenständig, Ziele, die mir nicht von außen vorgegeben werden. Beende deine Ausbildung. Schaff eine gute Prüfung. Mach was draus.

Und jetzt?

Ich jage von Vorstellungsgespräch zu Vorstellungsgespräch, vereinbare am Telefon Termine zum Hospitieren, schreibe Bewerbungen, kassiere Absagen, komme nach Hause, fühle mich wertlos, nutzlos. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal ehrlich und wahrhaftig von mir sagen würde: ich finde keinen Job. Ich finde keine Arbeit.                                                                                 

Ich war nie jemand, der seinen Wert über Leistung und Arbeit definiert, doch nach fast einem Jahr des Ausharrens, des Treiben lassens, des Immer weiter versuchens, stelle ich fest, ich brauche eine Aufgabe.

Ich suche eine Daseinsberechtigung. Weil einfach nur da sein nicht mehr reicht.

Ich erwische mich selbst bei den verrücktesten Gedanken, Denkmuster, die ich von mir kenne, aus früheren Zeiten. Ich kenne Zustände dieser Art. In denen ich denke, alle schwimmen, nur ich ertrinke, ich gehe einfach unter, bleibe zurück. Ich habe darüber in meinem Leben schon unglaublich viel gelernt. Anscheinend habe ich alles vergessen. Vergessen und verlernt.

Ich habe solche Angst, dass alles, was ich jemals erreicht haben werde, dieser Abschluss sein wird, dieser Abschluss inklusive gähnender, nichtssagender Leere im Anschluss, große Klappe, nichts dahinter, ich werde niemals etwas Außergewöhnliches machen.

Alles entgleitet mir.

Ich nehme einen Pinsel in die Hand, ich versuche zu malen, mir fällt nichts ein, ich gebe auf, nehme einen Stift, versuche zu schreiben, ich singe. Ich singe so laut ich kann, versuche mich zu öffnen, etwas zu schaffen, zu erschaffen, nichts ist gut genug, es ist einfach nichts mehr übrig. Von mir.                                                                                         

Ich fühle mich innerlich verlassen, von mir selbst.                                                                 

Ich weiß, dass die einzige Person, die mir da raus helfen kann, du bist. Ich appelliere an dich.                                                                                                                

Hol mich hier raus und zeig mir auf, was das ist, das ich vergessen habe, was ich verloren habe.                                                                                                                             

Hör auf, mich so anzusehen und füll meine Leere mit igrendwas auf, ich weiß, dass du das kannst.                                                                                                                                   

Ich starre dich an, starre mich an, ich halte es fast nicht aus, aber ich wende nicht den Blick ab, diesmal nicht. Ich weiß, dass du da irgendwo drin bist.                                    

Ich will endlich irgendwas finden.                                                                                         Oder mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand und vollends begreifen, dass man nicht immer etwas finden muss, um bei sich selbst anzukommen.                      

Es ist wieder Mai und ich bin allein. 



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