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gerhardstraube

Ein Pils, bitte

Ist bereits Herbst. Schon dunkel. Tür geht schwer auf. Gut. Noch nicht voll hier. „Hallo, Jürgen. Ein Pils, bitte.“ Bin bestimmt der einzige von der arbeitenden Klasse hier. Die Studenten kommen später. Wohnen noch viele Studenten im Stadtteil. Doch nicht mehr lange. Kommen immer mehr Leute mit Kohle. Manager, leitende Angestellte, Krawattenscheißer eben. Der Frauenladen ist auch weg. Sind am Umbauen. Kommt ein Feinkostgeschäft rein, hat Mike gesagt. Der hatte was gegen den Laden. Kein Wunder, bei dem Zoff mit seiner Frau. Aber die Frauen vom Laden waren nicht schuld. Wenn er den Schuldigen sucht, braucht er nur in den Spiegel zu schauen. Ja, mein lieber Mike, du wirst noch dahinter kommen. Alles ist anders. Das mit den Frauen, an der Arbeit, hier im Stadtteil. Nichts bleibt wie es ist. „Jürgen, mach´ mir noch eins, bitte.“

Kenne hier kaum noch jemanden. Morgen ist Betriebsversammlung. Was soll da herauskommen? Die machen den Laden dicht. So oder so. Wenn nicht gleich, dann scheibchenweise. „Danke, Jürgen.“ Die neuen Eigentümer wollten doch nur das Grundstück. Das bringt Kohle. Wird sowieso kaum noch was produziert. Kommt doch alles von China, Vietnam oder Korea. Da schlafen acht in einem Vier-Bett-Zimmer. Wechseln sich beim Schlafen ab. Wenn die einen arbeiten, schlafen die anderen. Und das alle im selben Bett. Zwölf Millionen, das ist bei denen noch eine Kleinstadt. Wir haben 650 000 und sind eine Großstadt. Bei diesen Zahlen ist doch alles klar. „Was? Wenn du dich hinsetzt, dann ist der Platz besetzt.“ Da hat die kleine Kurzhaarige Recht. Zuerst für Nothing Probe arbeiten und dann nur fünf Euro Stundenlohn. Hätte ich dem Kurzhaardackel nicht zugetraut, dem Boss den Kram an den Kopf zu werfen. Was guckst du so? Ich belausche euch nicht. Dann dürft ihr nicht so laut quasseln, wenn ihr Geheimnisse habt.

Das schmeckt heute aber auch. „Jürgen, noch einmal von dieser leckeren deutschen Tagessuppe, bitte.“ Was gucken die beiden Schlipsträger so blöd. Haltet euch wohl für was Besseres. Die gehen mir auf den Keks. Huch, wie toll. Beigefarbene Ledersitze. Wo willst du Depp die denn abstellen? Hier gibt´s weit und breit keinen Parkplatz. Eher gewinnst du einen Sechser im Lotto als einen freien Parkplatz zu finden. Ich sollte einen Abschleppwagen kaufen. Das wäre ein Geschäft. Aber wer weiß. Wahrscheinlich wird dort auch gemauschelt. Wie bei uns im Einkauf der Schubert. Baut ein Haus im Grünen, weil seine Frau ein Kind kriegt. Und Kinder in der Großstadt, nein, das geht nicht. Zumindest bei Herrn Schubert nicht. Schuberts Kind braucht Grün und nicht Betongrau. Das ist für die Kinder der anderen. Der zahlt bestimmt keinen einzigen Nagel aus eigener Tasche. Aber der hat jetzt auch Schiss. Wenn die bei uns dichtmachen, dann bleibt der auf seinem Rohbau sitzen. Nicht viel los hier, Ich ziehe mal weiter. „Jürgen, will zahlen, bitte.“

Windig hier draußen. Um die Uhrzeit erst mal in die Kaschemm. Da war ich seit langem nicht mehr. Ist mindestens zwei Wochen her. Was ist… Scheiße. Die verfluchten Köter. Jeder Hartz 4 hat nen Köter. Nichts zu fressen, aber nen Köter. Der Köter ist sozusagen das Statussymbol des Hartz 4. Vorn ist die Kirche. Dort sitzen sie mittags im Gemeindehaus. Die Tafel heißt der Laden. Da kriegen sie kostenlos Essen, das andere gespendet haben. Reste von Restaurants und seltsam verformte Lebensmittel von Supermärkten. Ist doch besser einen Scheiß-Job zu haben als Hartz 4 zu sein. Das ist schon der dritte Altbau in dieser Straße, an dem ein Gerüst steht. In den Fenstern hängen keine Gardinen. Die hier einziehen werden, sind garantiert nicht Hartz 4. Wo die Leute jetzt wohnen?

Achtung! Die Straßenbahn! Vor Jahren haben sie die Straßenbahn bis auf ein paar Linien abgeschafft. Und heute wollen sie neue Linien einrichten. Jahrelang ist es unter die Erde gegangen. In der halben Stadt wurde überall gebuddelt. U-Bahn, S-Bahn. Schlägereien, Überfälle, Mord, Totschlag und Vergewaltigungen, alles schön unter der Erde. Und nun geht es zurück nach oben, zur guten alten Straßenbahn. Die Herren von der Stadt sollten mal nach Lissabon gucken. Seit Jahrzehnten fahren dort die Straßenbahnen kreuz und quer durch die Stadt. Von einem Ende zum anderen. Zum Teil durch enge, verwinkelte Gassen. Haben sie im Fernsehen gezeigt. Mal über den Tellerrand einer deutschen Erbsensuppe gucken. Ihr Erbsenzähler. Der Türke hat noch offen. Gemüse und Obst sind bei dem am besten. Und seine Preise stimmen. Bei dem kauft sogar der Wolfgang. Und der kann die Pluderhosen nicht leiden. Wie der auf Pluderhosen kommt? Die laufen doch normal herum, wie wir. Wenn es die Ausländer nicht gäbe, dann müsste er sich Gedanken machen über einiges. Vielleicht kämen dann auch ein paar unbequeme Wahrheiten heraus. Vielleicht auch ein paar Lebenslügen.

In der Firma schieben einige auch alles auf die Ausländer. Unsere beschissene Lage, die Arbeitslosigkeit, die Kriminalität und wahrscheinlich auch das schlechte Wetter. Beinahe fliegt der Schal weg bei dem Wind. Nichts wie rein. Puh, ist das voll hier. In der Ecke ist noch was frei. „Karin … Entschuldigung, Moni natürlich. Ein Jever bitte.“ Kaschemm, ich liebe dich. Keine Angeber weit und breit. Mein kleines Wohnzimmer ist euch nicht fein genug. Zu meinem Glück. Der nächste Schicki-Micki-Schuppen ist zwei Straßen weiter. Gegenüber vom Doc. An meinem Hausarzt halte ich fest. Bei dem gibt´s nach wie vor nur ein einziges Wartezimmer für alle. Doch Privatpatienten habe ich bei ihm noch nie gesehen. Da wirken allein schon die grauen Vorhänge am Fenster abschreckend.

Privatpatienten haben ihre Ärzte im Westend und in der Innenstadt. Dort haben sie alles zusammen. Zuerst geht´s in die Boutique zum Shoppen, dann nebenan ins Bistro oder in die Vinothek und danach kurz zum Termin aufs Ledersofa beim Herrn Doktor. Gesund war das früher nicht. Da wurde in der kleinen Bude geraucht. Weiß gar nicht mehr, wie das gewesen ist. Mit dem Qualm und der Luft. Die Klamotten haben noch am nächsten Morgen fürchterlich gestunken. Hildi hatte buchstäblich gerochen, dass ich die Kaschemm beehrt hatte. Hildi… Sie hatte die Kaschemm nicht gemocht. Das Lokal, Toni, den versoffenen Wirt mit dem großen Herzen, die verrückten Gäste. Und am Schluss hatte sie auch mich nicht mehr gemocht. Mit Tränen in den Augen hat sie unsere Wohnung verlassen. Meine Tränen kamen, als ich sie unten in sein Auto steigen sah. Erst da wurde mir klar, dass es aus war. Dass ich meine Chancen verpasst hatte.

„Moni, noch ein Jever bitte. Und… und einen Wodka. Aber einen polnischen.“ Polnischen Wodka hatte ich durch Alina schätzen gelernt. Sie pflegte einen alten Mann. Bei ihm wohnte sie auch. Schlief auf einer Klappcouch. Blieb knapp drei Monate, fuhr mit dem Bus in ihr Heimatdorf zurück und kam dann wieder. Zu Hause hatte sie einen Mann mit Bierbauch und drei Kinder. Ich musste mir das gerahmte Bild ansehen. Sie sprach nur wenig deutsch. Wir weinten und wir tranken zusammen. Unseren Sex beendete sie stets mit Tränen in den Augen. Ich zeigte ihr den Stadtteil, die Geschäfte, den Metzger und den Bäcker. Den Stadtteil zu Ausflügen in andere Gegenden zu verlassen, wollte sie nie. Sonntags morgens besuchte sie die Kirche. Ich war froh, dass sie keine Beichte in ihrer Sprache ablegen konnte. Im Radio hörte ich einmal, dass wir in Deutschland ohne Polens fleißige Frauen einen sozialen Notstand in der Pflege alter und kranker Menschen hätten. Einmal fragte ich mich, ob Alinas Pflegefall vielleicht vor vielen Jahrzehnten als junger Soldat in ihr Land eingefallen war.

Der Sohn der alten Alkoholikerin über mir dient dem Vaterland. Er muss alle paar Jahre umziehen. Seine Mutter hat den Stadtteil noch nie verlassen. Sie bleibt dem Stadtteil und ihrem Kiosk treu. Wenn er morgens in die Kaserne einrückt, nimmt sie ihren Platz auf dem Bänkchen vorm Kiosk ein. Wenn er mittags in die Kantine geht, begibt sie sich auf den beschwerlichen Weg in den dritten Stock. Manchmal schafft sie es nicht. Ich habe sie in den Jahren etliche Male hoch getragen. Doch Alkoholiker sind leicht. Sie hat sich niemals beklagt, auch nicht über ihren Soldatenjungen, der sie nie besucht. Und hin und wieder kann selbst der Alkohol nicht den Glanz ihrer Augen trüben, wenn sie mir von ihrem Sohn in seiner schicken Uniform erzählt und das Foto zeigt.

„Moni, noch ein Jeverchen und einen Wodka. Polnischer.“ Pablo in der Tür. Volles, graues, langes Haar, nach hinten gekämmt. Der Chilene ist in dieser Stadt hängen geblieben. Geflohen vor den Todesschergen des Mördergenerals in Chile hatte er vor Jahrzehnten hier sein Exil gefunden. Und noch mehr. Auch eine Frau, die ein Foto-Geschäft führte. Die beiden heirateten, Pablo lernte fotografieren und ein, zwei Kinder folgten. Heute fotografiert er noch immer alle möglichen Anlässe: Trauungen, Hochzeiten, Feiern aller Art. Mittlerweile ist ein neues Motiv hinzugekommen. Der Stadtteil. Pablo hat mir schon vor Jahren Fotos gezeigt, auf denen sich der heute unübersehbare Wandel ankündigte. Damals war ich blind und erkannte die Anzeichen nicht. In seine Heimat zurückkehren will Pablo nicht. Er sei Weltbürger, sagt er. Im südamerikanischen Chile geboren als Sohn eines chinesischen Arbeiters und einer indianischen Mutter, von deren Volk nur noch kümmerliche Reste existieren. Gestrandet in Europa, in Deutschland. In diesem Stadtteil. Er habe hier alles, was er braucht. Und doch habe ich ihn einmal erwischt, nach zu viel Alkohol. Aber das ist bis heute unter uns beiden geblieben.

Am runden Tisch sitzen die Beduinen. Die Wanderarbeiter aus Irland. James ist der Älteste. Er verleiht sich selbst an Unternehmen. Meist für ein bis zwei Jahre. Einmal im Monat fliegt er mit Ryan Air in die grüne Heimat nach Dublin. Besucht Frau und Kinder für ein Wochenende. Dann geht es zurück in die möblierte Bude am Marktplatz. Die Beduinen in der Wüste lieben ihr Leben. Ein anderes können sie sich nicht vorstellen. Habe ich im Fernsehen gesehen. Sean ist der klassische rothaarige Ire. Und ein Computerexperte. Er hat mal versucht hier Fuß zu fassen. Hatte sich mit Christiane zusammen getan, die zwei Kinder und mindestens ebenso viele Sommersprossen wie Sean hat. Aber das ist schief gegangen. Sean weiß nicht warum. Nach all den durchtrunkenen Nächten mit ihnen habe ich eine Vermutung. Die befristeten Verträge, die Unsicherheit, wie es danach weiter geht. Und wo? In welcher Stadt, in welchem Land? All dies hat sicherlich seine Spuren hinterlassen.

Spüre den Wodka. Verdammt noch mal. Morgen ist Betriebsversammlung. Ach, was soll´s ? „Moni, noch ein Jever. Und … und noch einen Wodka. Nen, polnischen.“ Dann reicht´s . In Frankreich haben die Leute die Fabrik besetzt. Den Manager eingeschlossen. Bis er mit ihnen redete. Und bis sie etwas erreicht hatten. Irgendwo haben sie sogar den ganzen Betrieb übernommen. Haben alles selbst gemacht: die Arbeit eingeteilt, die Stellen besetzt, die Löhne, die Produktion, den Verkauf. Morgen ist Markttag. Da werde ich mir mal was gönnen. Mal wieder was Richtiges kochen. „Moni, zahlen!“

 



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