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Je-m'en-foutiste, living and writing in Cologne, Germany. I study French Literature and Art History.


Suffimoiselle

Sonne, Mond und vollbusige Frauen - Die Krieger der Niki de Saint Phalle

Eine Retrospektive über das Werk der kämpfenden Künstlerin im Dortmunder U.

 

Scherben, Kaffeebohnen, Gips, Pistolen, etc. - Kaum eine Künstlerin hat sich wohl so vielen diversen Materialien in ihrem Schaffenswerk gewidmet und durch diese neue künstlerische Methoden fundamental mitbeeinflusst, wie die franko-amerikanische Künstlerin Niki de Saint Phalle.

Das Museum Ostwall im Dortmunder U widmet der Künstlerin noch aktuell bis zum 23.4.2017 eine große Retrospektive unter dem zentralen Aspekt ihres Daseins als malende und Plastiken schaffende Kriegerin.

Der Besucher bekommt dabei einiges aufgefahren, was den Laien zuerst verstören könnte.

Zentrale Themen für Niki sind ganz klar die eigene Selbstfindung und die damit verbundene Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühlswelt, später aber auch, generalisierender, die verschiedenen Rollen einer Frau in der Gesellschaft.

Ausdrucksmittel verwendet Saint Phalle viele, dabei darf jedoch festgehalten werden, dass sie je nach Schaffensperiode, sich einem der vielen Ausdrucksmittel affin widmete, obgleich negative gesundheitliche Folgen drohten.

Motive und Symbole wie Kathedralen, Himmelskörper, Sonne, Mond und Sterne, aber auch Drachen, Schlangen, Bräute und Gebärende finden sich als zentrale Leitmotive immer wieder in ihrem Lebenswerk umfassendem Œuvre.

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Assemblagen, welche aus Pistolen, Messern und Rasierklingen gefertigt sind...

So ambivalent wie die Materialauswahl und die Figurenselektion, mutet auch das Gefüge ihrer Persönlichkeit aus Frohsinn, Unbekümmertheit, Schmerz und Bedrohung an, wodurch ersichtlich wird, dass die freie Variation ihrer Kreationen keine Zufallsprägung widerfährt.

Assemblagen, welche aus Pistolen, Messern und Rasierklingen gefertigt sind, verzichten weitgehend auf eine Gegenständlichkeit im eigentlichen Sinne, mit deren Hilfe der Abstraktion die Künstlerin versucht, eine Ablehnung der tradierten Hausfrauen- und Mutterrolle auszudrücken.

Noch persönlicher und provokativer wirken allerdings die Shooting-Pictures, die aus einem Schaffensprozess entstanden sind, als Niki, im wahrsten Sinne des Wortes, auf ihre Bilder und damit auf Personen und politische und religiöse Ansichten schoß, um sich so von ihnen lösen zu können und ein politisches Statement mit der Kunst zu praktizieren. War ihr dies zu radikal und zu berauschend, entschied sie sich nach nur zwei Jahren für die Beendigung der Kunst zum Schießen. Die Auseinandersetzung mit der Frauenrolle in der Gesellschaft ließ sie sich aber niemals von sich selbst nehmen.

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...radikaler Schnitt mit einem Plastikmesser...

 

Eine der ikonenhaften Nanafiguren als Teil eines Brunnens.

Es könnte als radikaler Schnitt mit einem Plastikmesser beschrieben werden, als die Franko-Amerikanerin sich durch die Schwangerschaft einer Freundin, ihrer eigenen Entscheidung unterwarf und, statt ihrer zuvor von Hass und Wut geprägten Kunst, der Freude ab dato den Platz in ihrem Werk schenkte. Die Geburtsstunde der Nanas.

Die vollbusigen und rubensengelhaft anmutenden Weiber sind erneut Ausdruck verschiedener Frauenrollen.

Besonders die Darstellung verschiedener Körper und Hautfarben lag Niki dabei sehr am Herzen, setzte diese sich aktiv mit für die Rassengleichheit aller Menschen ein und war Fan von Rosa Parks.

Dennoch muss an dieser Stelle ebenso erwähnt werden, dass Niki zwar die Rassenfrage betreffend, sich für Gerechtigkeit und Gleichheit einzusetzen wusste, ihr eigenes Lebens allerdings konfliktgeschwängert in ihrer persönlichen Familienhistorie verlief.

So mussten ihre eigenen Kinder beispielsweise zeitweise ohne ihre Mutter aufwachsen, galt dieser als oberste Priorität, ihren Drang der Kunstfertigung auszuleben, um ihr eigenes Gemüt ihrer selbst nicht unterwürfig zu herrschen.

Der das Lebenswerk durchziehende Wandel von Identitäten wird u.a. durch die ständig changierende Materialverwendung und deren Ästhetik metaphorisch visualisiert.

 

Ein Teil des Spielplatzes in Jerusalem.

Der Lebenspartnerin Jean Tingueleys lagen, wie so häufig erwähnt, vielerlei Themen am Herzen, u.a. machte sie sich außerdem für die Anti-Aids-Propaganda, mit Hilfe von ihr skizzierten Werbeplakaten, stark.

Das wohl größte und immer noch lebendige Werk Nikis wird auf alle Zeit ihr in die Realität umgesetzter Tarotgarten, der in der Toskana zu besichtigen ist, bleiben.

Zusammen mit ihrer großen Lieben Jean begann sie, das überdimensionale und begehbare, heutzutage als Environment bezeichenbare, Architekturprojekt zu erbauen. Der Garten ist als virtuell-reell erfahrbarer Gedankenkosmos der Künstlerin konzipiert, indem sich die Kunst, die Menschen und die Natur vereinigen.

Als Vorläufer ihres Tarotgartens darf übrigens der von ihr designte Spielplatz verstanden werden, der den Kindern in Jerusalem immer noch viel Freude bereitet.


 

Das Museum Ostwall im Dortmunder U.

Insgesamt wurden durch die wenigen hier aufgeführten Zeilen keine Werke von Niki de Saint-Phalle genau besprochen oder analysiert, das liegt jedoch darin begründet, dass ich jedem Leser noch die Möglichkeit einräumen möchte, sich selbst unbefangen und nicht voreingenommen der Ausstellung „Ich bin eine Kämpferin - Frauenbilder der Niki de Saint Phalle“ einfinden zu können. Die Retrospektive ist insofern lohnenswert, weil sie einen exzellenten Überblick der diversen Werksperioden der Nanaschafferin gibt und darüber hinaus, eine Variation an Filmmaterial präsentiert, um auch den biographischen Kontext des Œuvres zu illuminieren.



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