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Todestango

Kommissar Koller weiß, er ist ganz nah dran an den Menschenhändlern. Doch dann tauchen zwei Dobermänner auf. Koller hat keine Wahl – er stellt sich der Aufforderung zum tödlichen Tanz.

 

Todestango

von Michael Hackethal

Kommissar Koller stieg aus und streckte seine müden Knochen nach der langen Fahrt. Er sah sich um. Die Berge ringsum hüllten sich in eisiges Schweigen. Er streifte seine Baumwolljacke über und hängte den Rucksack über die Schulter. Hier im Schatten der Nordseite war es trotz des Hochsommers merklich kühl. Er trank aus der Plastikflasche, die in der äußeren Netztasche klemmte, und steckte sie wieder ein. Die Kohlensäure ließ ihn aufstoßen.

Sie standen in den albanischen Bergen, irgendwo auf tausend Meter Höhe, auf einem schmalen Schottersträßchen zu einem dieser kahlen Gipfel. Mit gesenktem Kopf suchte er nach Reifenspuren auf dem Fahrweg.

„Hey, Lederstrumpf“, frotzelte sein Kollege Roleder. „Spuren des weißen Mannes gefunden?”

Er lehnte mit verschränkten Armen aus dem offenen Fenster der Fahrertür.

Koller sagte nichts. Nach wochenlangen Ermittlungen wussten sie endlich, wo die Täter waren. Sie mussten irgendwo da oben sein, in einem dieser einsamen Bauernhöfe. Und sie hatten eine Geisel. Mit jeder Faser seines Leibes zog es ihn auf diesen Berg, um die Sache endlich zu klären. Aber sie waren nur zu zweit, gegen eine bewaffnete Bande. So war das völlig aussichtslos. Er musste Geduld haben.

Geduld!

Wütend kickte er einen Stein in den Abgrund. Sein Poltern verlor sich in der weiten Stille.

Die Stille hier war eine andere, als er sie aus den Alpen kannte. Rauer, abweisender, kälter. Krähenschreie ließen sie zu Einsamkeit gefrieren.

Gebückt suchte Koller den Boden ab, in der Hoffnung auf ein Zeichen, einen Hinweis. Irgendetwas.

Hätte er sich aufgerichtet, wären ihm die dünnen Staubfahnen aufgefallen, die in einer weiten Kurve auf ihn zu kamen, dort, wo der Weg hinter dem Berghang entlang führen musste.

Als er sie bemerkte, war es zu spät. Er war zu weit vom Auto entfernt.

Sie kamen atemberaubend schnell auf ihn zu, ohne einen Laut. Zwei große, schlanke Dobermänner, mit langer Schnauze und starkem Gebiss. Koller kannte diese Rasse von der Hundestaffel. Nicht so stark und tödlich wie Rottweiler, aber dafür wendiger. Und intelligenter.

Er stieß einen Fluch aus.

Der erste Hund hatte über zweihundert Meter Vorsprung vor dem zweiten. Er war kräftig, sicher ein Rüde. Noch drei Sekunden, dann würde er Koller anspringen.

Koller erstarrte. Er sah das schaumbedeckte Gebiss, den rot-grauen Rachen mit der langen Zunge, der im nächsten Moment vor seinem Gesicht auftauchen würde. Dann schienen sich die Bewegungen des Hundes zu verlangsamen, Koller wusste plötzlich, was er zu tun hatte. Nein, nicht Koller – es waren seine Hände, die taten, was zu tun war. Er war nur noch Beobachter. Da war kein Plan, kein Gedanke, nur Handeln.

JETZT!

Seine Hände rissen den Rucksack herunter, öffneten den Reißverschluss. Kurz bevor der Rüde zum Sprung ansetzte, gingen Kollers Beine ihm einen Schritt nach rechts versetzt entgegen. Dadurch passte der Absprung nicht mehr.

Der Rüde schnellte auf Koller zu.

Kollers Füße hatten sich so aufgestellt, dass sie den Aufprall abfangen konnten. Er hielt den Rucksack schützend vor sich. Vergeblich. Der Hund traf ihn an der linken Schulter, seine Läufe bohrten sich in Kollers Magengrube. Er schnappte sofort zu und erwischte den Arm knapp unter der Schulter. Koller wurde von dem Aufprall nach links herumgeschleudert, sein Arm mit dem Rucksack in der Faust beschrieb einen weiten Bogen, der Inhalt flog davon. Der Hund konnte sich nicht festbeißen. Er stieß sich von Koller ab und landete zwei Meter hinter ihm.

Koller taumelte, fand aber sein Gleichgewicht wieder. Der Rüde ging sofort zum nächsten Angriff über. Kollers Fäuste rissen den weit geöffneten Rucksack hoch und schafften es, dass der Kopf des heran fliegenden Hundes hinein tauchte. Sofort warf Koller sich auf das wild strampelnde Tier und hielt die schnappenden Kiefer in der Tasche fest.

Kollers Linke zog den Rucksack mit aller Kraft über die Ohren nach hinten, während die Rechte wie rasend nach dem Beckengurt griff, der wild hin und her schlug. Als sie ihn zu fassen bekam, schlang sie den Gurt um den Hals des Hundes und zog. Der Atem des Hundes ging in ein Röcheln über. Millimeter für Millimeter näherte sich die Gurtschnalle ihrem Gegenstück. Der Kopf des Hundes zuckte unbändig, doch Kollers Faust hielt den Gurt eisern umklammert. Mit leisem Klick hakte die Schnalle ein. Sofort zog Koller den Gurt stramm, so dass das Tier im Rucksack stecken blieb und keine Luft bekam.

Im selben Moment riss er die PET-Flasche aus der Netztasche des Rucksacks und rollte sich zur Seite, um dem zweiten Hund auszuweichen. Ohne das Tier aus den Augen zu lassen, schraubte er den Verschluss der Flasche ab.

All dies geschah ohne jede Überlegung. Später kam es Koller vor, als habe es sich über Minuten hingezogen, doch der Kampf konnte nur Sekunden gedauert haben.

Die Hündin verfehlte ihn knapp, drehte sofort um und sprang erneut. Doch nun fehlte ihr der Schwung aus dem langen Anlauf. Als sie im Sprung nach seiner Kehle gierte, rammte Koller ihr die Wasserflasche mit aller Kraft in den Rachen. Sofort schnappten ihre Kiefer zu. Sie biss durch das Fleisch zwischen Kollers Daumen und Zeigefinger hindurch, doch die Flasche wurde dabei nur noch tiefer in ihren Hals hineingedrückt.

Der Aufprall warf Koller auf den Rücken, die Hündin landete auf ihrer rechten Flanke neben ihm. Ihre oberen Reißzähne klemmten die Flasche fest, so dass sie nicht sofort wieder herauskam. Das Wasser drückte in ihre Kehle, schoss in Lunge und Magen, lief zur Nase wieder heraus. Sie strampelte, kam auf die Beine, würgte mit gesenktem Kopf, die Zunge seitlich weit heraus hängend. Schaum sprudelte aus ihren Nüstern.

Koller rollte zur Seite, rang nach Luft. Er musste sofort handeln. Wenn sie die Flasche ausspuckte, war er geliefert.

Immer wieder streifte die Hündin mit einem Vorderbein über die Schnauze. Mit weit offenem Maul schleuderte sie ihren Kopf hin und her, um sich von diesem tödlichen Ding zu befreien. Koller kroch auf allen vieren auf sie zu, begann seine dünne Jacke auszuziehen. Direkt vor ihm führte sie ihren grotesken Tanz auf. Koller sah den Staub zwischen ihren Pfoten aufsteigen. Sie schien ihn nicht zu bemerken.

Dann glitt die Flasche plötzlich heraus und polterte hohl über die Steine. Die Hündin holte rasselnd Luft, hustete Rotz und Wasser. Es klang, als würde ein Kind mit dem Strohhalm in Limonade blubbern.

Koller riss sich die Jacke vollends vom Leib. Bevor es seine Kräfte sammeln konnte, hatte er sich auf das keuchende Tier geworfen und die Ärmel um das Maul gewickelt. Mit aller Kraft schlang er einen halben Knoten. Er umarmte die röchelnde Hündin und drückte sie mit seinem Gewicht rücklings zu Boden, barg sein Gesicht an ihrem Hals. Er spürte das Zucken ihrer Halsmuskeln, das Gurgeln in ihrer Luftröhre.

Seine rechte Hand suchte ihre Nase und drückte ihr mit dem Stoff der Jacke die Luft ab. Mit dem linken Arm presste er sie an sich. Jetzt hatte er die Oberhand.

Aber der Kampf war noch nicht vorbei.

Die Raserei der Hündin überstieg alles, was Koller je bei einem Tier erlebt hatte. Doch es war nicht länger Mordlust, die sie antrieb. Es war Todesangst.

Ihre Krallen rissen sein Hemd in nur einem Augenblick in blutige Fetzen. Kollers Brust und Bauch waren bis zum Gürtel hinunter wild gestreift von glänzend roten Striemen, die schnell eine einzige nasse Fläche bildeten. Es sah aus, als wollten die wirbelnden Läufe der Hündin ein Loch in seinen Bauch scharren.

Ihre rasenden Bewegungen fachten auch seine Kampfeswut an. Knurrend schlang er sein rechtes Bein um ihren Hinterleib und presste sie an sich. Endlich fehlte ihren Beinen der Raum zum Kratzen. Aber sie hörte nicht auf es zu versuchen.

Schäumend zischte sein Atem zwischen den zusammengepressten Zähnen heraus. Da war kein Schmerz, keine Angst. Nur Wut. Eine eigenartig kalte Wut, die wie ein rauchdunkler Geist in ihm wuchs, bis sie seine Brust ausfüllte. Und dieser Geist hatte nur ein Ziel: Ich werde dich töten!

Er konnte sein eigenes Knurren und Schnaufen hören. Es klang nicht weniger bestialisch als das der Hündin.

Ihre Körper zuckten im Gleichklang über den steinigen Boden, krampfhaft, roh, voller Gewalt. Ein Tango auf Leben und Tod.

Er drehte seinen Kopf und hatte ihre Kehle direkt vor sich.

ICH – WERDE – DICH – TÖTEN!

Das war nicht gedacht, das war ein ekstatischer Rausch, unendlich mächtiger als ein Gedanke, uralt und gewaltig. Er vereinte ihn mit dem Tier zu einem rasenden Ganzen. Einen Bernd Koller gab es in diesem Moment nicht mehr.

Das Fell war widerlich auf der Zunge, doch er biss zu, bis ihr Kehlkopf knackte. Er presste die Hündin an sich, mit all der Kraft, die Arme und Beine hergaben. Sein Knurren steigerte sich zu einem wilden Schrei und dann spürte er, wie etwas unter ihm nachgab und mit einem Knirschen zerbarst. Eines ihrer verdrehten Beine war gebrochen.

Obwohl die Jacke sie daran hinderte, schnappte sie weiterhin nach seiner Kehle. Ihr Geifer schmierte über Kollers Gesicht und Hals, vermischte sich mit Blut. Dann ließ das Tier plötzlich von ihm ab, wirbelte mit wild zuckenden Beinen den Staub ringsum auf und blieb mit aufgerissenen Augen liegen. Ein letztes Aufbäumen, Krampfen, Zittern, dann sank der Körper kraftlos in sich zusammen.

Koller lag auf der Seite, das Gesicht im Staub, nur eine Handbreit von den tödlichen Kiefern entfernt. Er sah die Zähne vor sich, den Speichel, der von den Lefzen triefte und im Staub dunkle Flecken mit Schaumbläschen bildete. Sein Atem ging kurz und flach. Mit einem Stöhnen drehte er sich auf den Rücken, die Arme zur Seite ausgebreitet. Sein Gesicht war eine bizarre Maske aus Blut und Dreck und Geifer. Ein rotes Rinnsal lief aus seinem Mundwinkel. Es war nicht sein Blut.

Er hustete, starrte schwer atmend in den Himmel, dessen kaltes Blau sich über die Welt spannte. Aus einem Busch in der Nähe stieg eine Krähe auf und stieß zwei heisere Schreie aus.

Er spürte keinen Schmerz. Er spürte überhaupt nichts, nicht einmal sich selbst. Er war einfach nur da. Er lebte.

Nicht viel, so ein Leben, fuhr ihm durch den Sinn. Aber alles, was ich hab.

Die Sonne umgab den Berg mit einem hellen Lichterkranz. Er schloss die Augen, leckte sich die Lippen, erkannte den metallischen Geschmack.

Ein Schatten fiel auf sein Gesicht, verdeckte das Licht wie ein schwarzer Dämon. Zwei ernste Augen blitzten ihn durchdringend an, während sich der Schatten zu ihm hinunter beugte.

Er blinzelte, keuchte, konnte sich aber nicht bewegen.

„Gott, siehst du scheiße aus“, hörte er Roleders Stimme sagen.

Er stöhnte. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

— – • – —

(Leicht modifizierter Ausschnitt aus einem bislang unveröffentlichten Kriminalroman)



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