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Quirlig. Verrückt. Buddhist. Veganer. Leseratte. Gesundheitsspinner. Mandalamaler. Warmduscher. Quasselstrippe. Kummerkasten. Hobbygärtner. Viellieber.


Vegasmus

Wer bin ich - und wieso?

Umwege erhöhen die Ortskenntnis. 

 

Den Großteil meines Lebens war ich auf der Suche nach mir selbst.
Seit ich zurückdenken kann, habe ich meine Gender-Identität hinterfragt.
Ich schaute mich um, sah die Mädchen und dachte „Nä…“
Ich schaute weiter, sah die Jungs und dachte „Näää…“

Gender, sexuelle Identitäten – das waren Fremdwörter für mich. Nicht mal das eigentlich, denn ich kannte sie gar nicht. Und so taumelte ich herum in einer Welt, in die ich nicht so recht hineinzupassen schien und in der ich trotzdem irgendwie zurechtkam.

Während ich Zuhause nicht mal zwingend überholte Geschlechter-Klischees präsentiert bekam, fehlte es mir schlicht an aufgezeigten Alternativen. Es fehlte mir das Bewusstsein dafür, dass man Mädchen sein und „Jungssachen“ mögen konnte. Es fehlte mir das Bewusstsein dafür, dass man Mädchen sein und Mädchen mögen konnte. Ich schaute mich um, suchte nach meinesgleichen, doch ich fand niemanden. Mulan, die Heldin meiner Kindheit, trampelte alle Hindernisse nieder, tarnte sich als Mann und rettete ganz China, nur um danach wieder – ganz das brave Mädchen – zurückzukehren, den Traumprinzen zu heiraten und wahrscheinlich den Rest des Lebens am Herd zu verbringen.

Märchen, Bücher, Fernsehprogramm. Alles überholt, alles sexistisch, alles nicht in der Lage, mir zu erklären, wer ich eigentlich war.

Und weil mir nichts anderes übrig blieb, passte ich mich an. Ich konstruierte mir eine Maske, ein zweites „Ich“, eine gefestigte Identität. Ich wurde zur klar definierten Person, oberflächlich zumindest. So eine Maske ist ungemein praktisch, denn sie hilft zu verdrängen. Wenn ich mich genug anstrengte, dann würde die Maske schon irgendwann ein echter Teil von mir. Wenn ich mich genug anstrengte, würde „Ich“ schon bald das eigens erschaffene Konstrukt. Und so verschwand „Ich“ jeden Tag ein Stückchen tiefer in mir selbst. Ich stellte keine Fragen mehr, denn die Maske war die Antwort, die ich mir selbst gegeben hatte.

Bis ich eines Tages stolperte.

Ich stolperte hinein in eine sex-positive und aufgeklärte Bewegung und während ich händerudernd zu Boden stürzte, rutschte mir die Maske vom Gesicht.

Da saß ich nun, nackt und entblößt und plötzlich wieder auf der Suche.

Da waren sie plötzlich, all diese Alternativen. Queer, Bi-, Trans-, Homo-, Inter-, Asexuell. Poly, mono, offen. Aromantisch. Ein Sog aus Labeln zog mich in die Tiefe und ich hatte mich nun endgültig verloren. Wollte ich wirklich Mann, Eigenheim und Kinder? Oder wollte ich das alles nur, weil die Gesellschaft wollte, dass ich es wollte? Oder weil ich nicht wusste, wie es anders gehen könnte? Liebte ich wirklich nur Männer? Oder auch Frauen? Und wenn ja – wie viele?

Ich musste erst untergehen in diesem Meer der Möglichkeiten, um mich selbst zu finden, denn die Antwort auf die Frage nach meinem Ich war im wahrsten Sinne tiefgründig. Ich musste hinabtauchen, ganz tief in mich hinein. Vorbei an all dem Erlebten, den Erinnerungen, den Wünschen, Träumen und Hoffnungen. Und kurz bevor mir die Luft ausging, da fand ich sie, die Wahrheit über mich.

Ich war einfach nur Ich. 



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