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Flirrt die Luft so wegen der Hitze oder den Grashüpfern?


 

Auf der Wiese vor den Obstbäumen der Nachbarsbauerin sitzend, schaukle ich langsam meine Füße und lasse meine schönen schwarzen Schuhe, im Takt aneinander klopfen. Ich mag die Schuhe besonders gern, weil sie ein Kitzlein als Aufdruck haben, welches mich mit seinen großen Augen und dem hübschen Rehgesicht anblickt. An den Bäumen wachsen Äpfel und Birnen und der größte von ihnen ist der Wallnussbaum, auf dem ein kleines, rotes Eichhörnchen lebt.

Meine kleinen Hände gleiten durch das von Gänseblümchen gesprengelten Gras, ich sehe nach links in den wunderschönen Garten meiner Mutter. Dort sind so viele, schöne, bunte Blumen, die jeden Tag, der Sonne mit ihren Blütenblättern entgegenwinken, mehrere Fichtensträucher und eine große Tannen, die die sich erfreuen uns Schatten spenden zu können, an Tagen wie diesen, an denen die Luft so flirrt, dass ich nicht weiß ob es an der Hitze oder an den singenden Grashüpfern, Bienen und Salamandern liegt.

Heute flirrt die Luft auch ein bisschen aber ich mag es wie die Sonne mir meinen Kopf wärmt.

Ich blicke vor mich und sehe das außergewöhnliche Holzhaus, in deren Garten ich oft mit den Nachbarskindern spielen darf dann lasse ich meinen Blick in die Ferne schweifen und sehe das Dorf auf dem Nachbarhügel... Da befällt mich ein Gefühl von Fernweh, dass ich so oft habe wenn ich meinen Blick dorthin schweifen lasse. Ich bin noch zu klein um meinem Wunsch nachgehen zu können und dort hinüber zu laufen. Serpentinenartig windet sich unsere Dorfstraße ins Tal hinab und wieder hoch zu diesem für mich geheimnisvoll wirkenden Dorf. Irgendwann, wenn ich einmal groß bin, laufe ich auch dort hinüber, denke ich, als ich sehnsüchtig in die Ferne sehe. Auf der flimmernden Straße kommt mir eine Gestalt entgegen.

Ich winke, die Gestalt winkt zurück, was mich ganz fröhlich macht, bin ich doch schon den ganzen Tag alleine hier draußen.

Die Frau die sich aus den Schemen formt, habe ich noch nie gesehen. Sie ist wohl so alt wie meine Oma. Unter ihrer grauen Dauerwelle strahlen mich zwei wunderschöne Augen an. Die vielen Falten auf ihrem Gesicht erzeugen in mir den Wunsch mit meinen Händen ihre Wangen zu streicheln.

„Hallo ich bin die Burgl, Was machst du denn hier draußen alleine?“ fragt sie mich durch ihren blassroten Mund. „sitzen und genießen“ ist meine naive Antwort, die vom Trubel der Welt noch nichts kennt. Ich spüre direkt wie ihr Herz aufgeht, nachdem sie diese Worte vernommen hat und da lächelt sie mich auch gleich mit so einer Herzlichkeit an, dass ich ganz verzaubert bin.

„Meine Enkelin sieht dir ähnlich.“ Burgl setzt sich langsam neben mich ins kühle Gras und streicht mir irgendwie ganz traurig mit ihren weichen Händen durchs Haar. „Kommst du von dem Dorf dort drüben?“, ich deute soweit ich kann mit meinem Finger über die Schlucht. „Ich habe etwas besonderes dabei." sagt sie und sucht in der Bauchtasche ihres wunderschönen, von Blumen übersähten Kleid nach etwas. Ich denke ich sehe nicht richtig, als sie eine Hand voll Kirschen herauszieht und nicke begeistert als sie mich fragt: „Sollen wir teilen?“ "Oh das sind die besten Kirschen, die ich jemals gegessen habe."

So sitzen wir Kirschen essend da und schauen beide zu dem Dorf hinüber. Ich frage mich ob sie wohl auch dieses Gefühl kennt, das ich manchmal habe, wenn ich in die Ferne seh. Etwas interessiert mich aber noch mehr: „Darfst du schon lange alleine über die Dorfstraße gehen?“ Sie lacht auf:“ Aber ja natürlich und du darfst das auch bald!“ Ich staune und beginne mich zu freuen auf den Tag, an dem ich auf dem Nachbarhügel stehend fast die ganze Welt überblicken kann. Burgl berichtet mir, dass sie schon auf vielen Hügeln stand und in ihrem Leben schon hunderte Dörfer gesehen hat.

„Spielen wir etwas?“, frage ich sie und spucke den Kirschkern mit aller Kraft, die ich aufbringen kann von mir. Ich bin stolz, soweit ist noch keiner meiner Kerne geflogen. Aber Burgl! Sie kann ihren Kern viel weiter spucken als ich meinen. Sie grinst und sagt: „Als ich noch ein junges Mädchen war, haben wir das oft gespielt.“, erzählt sie wehmütig. Ich verstehe nicht, wieso sie traurig ist, wenn ich an meine Freunde denke, bin ich ganz fröhlich. "Lass mich raten, du bist 4 Jahre alt?", fragt sie. „Ja stimmt!“ Ich bestaune ihr schönes Gesicht. Wir sitzen eine Weile da und sie erzählt mir viel. Beantwortet mir meine vielen Fragen. Ich höre ganz genau zu, dann frage ich: „Wie ist es so, alles zu wissen?“, und schaue sie dabei bewundernd an. „Ach liebes, niemand weiß alles. Die meisten Menschen wissen gar viel zu wenig!“ erzählt sie mir. „Manchmal habe ich das Gefühl, Kinder wissen noch am meisten vom Leben und seinen Geheimnisse. Auf dem Weg scheinen wir Menschen jedoch sehr viel von diesem Wissen zu verlieren. Je älter ich werde, desto mehr davon kommt zurück, besonders auch weil so schlaue kleine Kinder, wie du mich wieder daran erinnern.“ Wir sehen einander dankbar an.

Und so sitzen wir da und genießen noch ein bisschen.



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