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Meat Loaf: Das verschmähte Gesamtkunstwerk

Warum ich immer noch leidenschaftlich gerne die Bat Out of Hell Alben höre und was das mit Richard Wagner zu tun hat.

 

Ende der Siebziger von der Druckwelle des weltweiten und explosionsartigen Ruhms direkt in ausgedehnte psychotherapeutische Sitzungen getragen, hat die Medienlandschaft sein letztes Album Braver Than We Are überhaupt nicht mehr zur Kenntnis genommen. Eigentlich auch zu recht, abgekämpft manövrierte sich der knapp Siebzigjährige durch die untere Mittelklasse. Aber auch ganz generell gesehen, hat Meat Loaf drastisch an Popularität eingebüßt.

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Barbusige Frauen, riesige Fledermäuse, zischelnde Höllenflammen, muskulöse Kerle auf fliegenden Motorrädern und Breitschwerter – jedes Design könnte man sich problemlos als Airbrush-Kunstwerk auf der Seite eines röhrenden US-amerikanischen Trucks vorstellen.

Seine Musik gilt als unmodern, angestaubt, wer sich früher noch während der Autofahrt gesanglich zu Bat Out of Hell verausgabt hat, hält seinen Impuls heute schambehaftet zurück. Die verschwenderisch überladen Stücke sind purer Kitsch, veraltete Geschlechterrollen, frühpubertäre Jungenträume. Um diesen Eindruck zu bestätigen, muss man sich nur die Plattencover ansehen: Barbusige Frauen, riesige Fledermäuse, zischelnde Höllenflammen, muskulöse Kerle auf fliegenden Motorrädern und Breitschwerter – jedes Design könnte man sich problemlos als Airbrush-Kunstwerk auf der Seite eines röhrenden US-amerikanischen Trucks vorstellen. Die Songtexte drücken bisweilen so sehr auf die Tränendrüse, dass es kaum zu ertragen ist, in Objects in the Rear View Mirror May Appear Closer Than They Are wird beispielsweise unter pathetischen Gottesbeschwörungen der Tod eines Freundes in der Kindheit, der eigene Missbrauch vom alkoholkranken Vater in der Jugend und eine exzessive, aber gescheiterte Liebesbeziehung während einer einsamen Autofahrt auf dem Highway verhandelt. Doch trotz aller Übertreibungen schleicht sich zu keiner Zeit ein ironisches Augenzwinkern ein, Meat Loaf performt seine Songs mit extremen Ernst und massiver Leidenschaft. Das passt natürlich nicht in den Zeitgeist einer Generation in der Bands wie Bilderbuch ständig auf der Meta-Ebene mit Klischees kokettieren und meine Altersgenossen gepost witzig zu den Trash Hits der 2000er tanzen. Wer Meat Loaf genießt, der lässt das hinter sich.

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Das Artwork, die Kunstfigur Meat Loaf, die Texte und Arrangements bilden zusammen ein Gesamtkunstwerk in der Tradition Richard Wagners, verlagert in die Rockästhetik der USA.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für die vergessene Kunst der Rockoper brechen, die Meatloaf tatsächlich erst in diesem Maße begründet hat, und rechtfertigen warum ich noch immer in regelmäßigen Abständen eine der 
Bat Out of Hell Platten auflege, um mich mit geballten Fäusten in allem Pathos zu verlieren. Meat Loaf, der tatsächlich aus dem Berufsfeld des Musicaldarstellers in die Berühmtheit aufgestiegen ist, begreift sich nach eigenen Aussagen auch in der Musik als Schauspieler, der Stücke anderer Komponisten (vornehmlich die Jim Steinmans) darstellt, sich einfühlt. Sowohl die Länge der Songs als auch ihr dramatischer Aufbau sprengen sämtliche Konventionen. Das Artwork, die Kunstfigur Meat Loaf, die Texte und Arrangements bilden zusammen ein Gesamtkunstwerk in der Tradition Richard Wagners, verlagert in die Rockästhetik der USA. Es werden Genres und Kunstformen vermischt und in allem gebotenen Ernst als synästhetische Einheit aufbereitet. Ironie ist da Fehl am Platz, denn sie stört den Moment des vollständigen Erlebens, man lässt sich nicht hineinfallen, sondern steht immer noch erhaben und müde lächelnd an der Außenlinie des Geschehens.

Es ist egal ob Meat Loaf der pure Kitsch ist, gerade das ist eigentlich eine Qualität, man soll nicht darüber referieren wie lächerlich pubertär das alles anmutet - die untergemischten Motorradgeräusche und exaltieren Solos - es geht darum, Emotionen in kindlicher Unbefangenheit zu genießen, sich vollkommen zu verausgaben, in das Spiel einzusteigen. Und dafür braucht man den Mut zur Lächerlichkeit. Es wäre schön wenn das altkluge Ego wenigstens einige Minuten außen vor bleibt und wir campy Meat Loaf die Wertschätzung entgegenbringen, die er für sein Lebenswerk verdient. Man kann über schwülstig-balladesk vorgetragen Texte lachen, aber schöner ist es noch sie ab und an mit zu singen.  



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