published in 'PolemikBlumenPoesie' on Juptr.io

0
0

Das neue Verständnis von Arbeit

Warum ein bedingungsloses Grundeinkommen im Zuge der 4. industriellen Revolution unumgänglich ist.

 

Die künstliche Intelligenz und Robotik entwickelt sich mit rasanter Geschwindigkeit und hat dazu geführt, dass wir am Anfang der 4. industriellen Revolution stehen. Was das für unsere Gesellschaft bedeutet, darüber haben renommierte Wissenschaftler schon einige Studien und gut fundierte Prognosen veröffentlicht. In diesen Chor stimmt beispielsweise die Oxford-Studie zur Zukunft der Arbeit ein, nach der 2030 47 Prozent aller Arbeitsplätze der USA wegfallen werden. In Deutschland gibt es es ähnliche Tendenzen, Studien der ING-Diba-Bank gehen von 53 Prozent aus. Etwa 18 Millionen Deutsche ohne Lohnarbeit.

Die wichtigste Frage scheint also zu sein, wie sich unsere Gesellschaft gegenüber diesem Wandel verhält. In der Regel lässt sich sagen: Resigniert. Wie es um Zukunftsvisionen in der westlichen Kultur bestellt ist, zeigt schon die Menge an dystopischen Science-Fiction Filmen. Müde wird in der Gesellschaft mit dem Kopf geschüttelt, Kapitulation gegenüber den schrecklichen Zuständen. Schon jetzt werden in Japan ausgiebig teddybär-ähnliche Pflegeroboter getestet, die Bettpfannen wechseln. Das Autobed misst währenddessen über druckempfindliche Sensoren die körperliche Verfassung und passt seine Liegefläche automatisch an. Das selbstfahrende Auto wird die benötigte Anzahl an Fahrzeugen nach Schätzungen auf ein Achtel reduzieren, Roboter ziehen für uns in den Krieg und Drohnen beliefern uns an Stelle von Postboten.

Andere leugnen die absehbaren Folgen auch, gerade unter Wirtschaftshistorikern ist es ein beliebtes Argument, dass die bisherigen industriellen Revolutionen immer zu einem Anstieg der Beschäftigungen geführt haben. Dafür wurde sogar ein theoretisches Modell, das Solow-Modell, entwickelt. Doch gerade die Forscher, welche besagtes Modell entwickelt haben, gehen davon aus, dass es in diesem Fall nicht greifen wird. Das liegt daran, dass bei bisherigen industriellen Revolutionen immer neue Märkte erschlossen wurden, doch dieses Mal wird das nicht passieren, bestehende Märkte werden lediglich effizienter. Und dieser Leistungsanstieg wird durch Abbau menschlicher Arbeitskräfte gewährleistet. Doch die 4. industrielle Revolution muss kein Schreckensszenario sein, wir können sie auch als große Chance begreifen zur beruflichen Selbstentfaltung begreifen. Dazu allerdings ist das bedingungslose Grundeinkommen unumgänglich.

Eine schwierige Angelegenheit, denn Arbeit fungiert identifikationsstiftend. Dieser Umstand liegt in einer langen Tradition, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht, begründet. Zu dieser Zeit definiert der Philosoph John Locke Arbeit erstmals als Tugend – die Tüchtigkeit. Sein Arbeitsbegriff hat sich bis heute gehalten und scheint grundlegend in unserer Kultur verankert. Arbeit gibt dem Leben vieler Menschen Sinn, sie identifizieren sich mit ihr und fallen bisweilen in ein tiefes Loch wenn sie ihr Beschäftigungsverhältnis verlieren oder in die Rente übergehen. Um erfolgreich mit der bevorstehenden Massenarbeitslosigkeit umzugehen, müssen wir deshalb das allgemeine Verständnis von Arbeit umstrukturieren. Eine Voraussetzung dafür ist, dass das Bild von guter Arbeit vom Begriff der Lohnarbeit entkoppelt wird. Menschen können und sollen sich schließlich weiterhin über Arbeit definieren können, aufgrund der wenigen Stellen kann das jedoch nicht mehr über einen Gehalt einbringenden Beruf geleistet werden, ehrenamtliche Arbeit, Forschung, Handwerk und künstlerische Felder wären Alternativen. Unser Verständnis von guter Arbeit sollte sich also nicht mehr auf die Höhe der Vergütung stützen, sondern schlicht auf die Tatsache einer Arbeit nachzugehen, welche einen erfüllt und deren Perfektion angestrebt wird.

Ohne Grundeinkommen ließe sich auch unser Wohlstand auf Basis der Marktwirtschaft nicht aufrecht erhalten. Das ist der Grund warum gerade aus dem Silicon Valley viele Stimmen großer Unternehmer laut werden, die ein Grundeinkommen fordern, da die Marktwirtschaft es sich nicht leisten kann, dass so viele Menschen ohne mittleres Einkommen leben.

Natürlich wird im Zuge dieser Diskussionen viel über Gerechtigkeit gestritten, betreffend der Menschen, die nun ein Leben lang gearbeitet hätten, um am Ende nicht mehr als jeder andere zu bekommen. Doch diese Ich-Bezogenheit müssen wir zum Wohle einer zukunftsfähigen Gesellschaft überwinden. Zudem ist Gerechtigkeit in dieser Hinsicht auch ein schwieriger Begriff. Im Grunde gibt es zwei Konzepte von Gerechtigkeit: Das liberale Konzept (alle Menschen starten unter gleichen Bedingungen und wer auch immer am Ende höher stehen mag, es ist gerechtfertigt, weil ja jeder die gleiche Chance hatte) und das soziale Konzept (Jedem steht der gleiche Anteil aller Ressourcen zu). Alle westlichen Gesellschaften balancieren diese zwei Gerechtigkeitskonzepte aus. Bei uns herrscht das liberale Konzept vor, das mit sozialer Gerechtigkeit in Form von Arbeitslosengeld und anderen Leistungen unterfüttert wird. Doch was genau die ideale Gerechtigkeit ist, lässt sich nicht festlegen, da es sich um einen gefühlten Zustand handelt. Philosophisch ist Gerechtigkeit in diesem Umfang sogar undefinierbar. Bei der Frage welches Strafmaß für bestimmte kriminelle Handlungen angemessen ist oder ob es gerecht erscheint, dass der CEO eines Unternehmens das Hundertfache eines normalen Gehalts verdient, gibt es keine klare Antwort, durch die Gesellschaft findet sich eine breit angelegte Variation.

Aus diesen Gründen scheint es unbedingt notwendig, dass wir parallel zur 4. industriellen Revolution auch unsere gesellschaftlichen Normen revolutionieren.



Published in: