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Schabernackenschelle

Kaffee links. Zigarette rechts.

Oder andersherum. Auf dem Nachbarbalkon ist der Rauch immer grüner.

 

Zwei Stunden später klingelt der Wecker. Es ist Samstag. 

Ich denke an Kaffee. Und eine Zigarette. Das eine bedingt das andere. Welches Bedürfnis war zuerst da? Ich würde gerne ein Huhn zu diesem Thema befragen. Ich bin einer dieser Menschen, die eine romantische Vorstellung von sich haben. Die fängt beim Kaffee an und hört nach der Zigarette auf. Diese romantische Vorstellung führt dazu, dass ich früh sterben werde und der Gesellschaft nicht auf der Tasche liege. Ich löse so prophylaktisch den bevorstehenden Generationenkonflikt. Mein Körper wandert Richtung Küche, meine Gedanken sind bei dem Huhn. Erste Frage: 'Frau Huhn, sie sind unabhängiger Experte auf dem Gebiet der Entstehungsforschung. Was war ihrer Meinung nach zuerst da?‘ ‚Gack.‘ Es gibt keine dummen Antworten, es gibt nur dumme Fragen.

Kurze Zeit später sitze ich auf dem Balkon. Zigarette links. Kaffee rechts. Manchmal tausche ich die Seiten, um Abwechslung in mein Leben zu bringen. Der Balkon liegt zur Hauptstraße. Es ist laut. Und irgendwie leise. 

Das Problem an der Zigaretten-Kaffee Kombination: Die Zigarette geht meist vor dem Kaffee zuneige. Und Kaffee alleine ist nur eine einsame schwarze Brühe. Ohne Zigarette fehlt Kaffee der Sexappeal, die Verschwendung. Ohne die Zigarette ist Kaffee nur ein Bürogetränk, das mit Small Talk serviert wird und dich vergessen lässt, dass du müde bist.

Der Zigarette geht es ähnlich. Alleine ist sie der unsympathische Onkel mit den gelben Zähnen, der deiner kleinen Cousine auf jeder Familienfeier gierig hinterherstiert. Dieser Onkel, der das Tanzbein auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Sammelklagen wegen sexueller Belästigung schwingt. Meistens hat er ein Alkoholproblem und ist seit sehr langer Zeit alleine. Doch mit Kaffee wird die Zigarette zu einem Symbol für Denker und Dichter, zum Accessoire der Balkon-Avantgarde. Romeo ohne Julia wäre auch nur ein überflüssig poetischer Junggeselle, der sicherlich viel masturbiert und danach immer in eine schamvolle Traurigkeit versinkt. Alleine sind Menschen und Dinge weniger wert. Du bist nur komplett, wenn du irgendetwas hast. Einen Partner. Einen Hund. Sehr viele Katzen. Ein Meerschweinchen. Einen Swingerclub. Egal was. Hauptsache nicht als einsamer Sozialkrüppel gestützt nur von seinen eigenen Gedankenkrücken durch das Leben laufen. 

"Was machen wir heute?" fragt mich der Tag wie aus dem Nichts. 

"Wir könnten singen," schlage ich vor.

"Der Berufsverkehr ist zu laut," antwortet der Tag.

"Lass uns auf einen Apfelbaum klettern," schlage ich vor.

"Das Kind in dir hat sich leider kürzlich einen Anzug gekauft und arbeitet jetzt in einer Unternehmensberatung," antwortet der Tag. 

"Was dann?" frage ich den Tag.

"Du solltest deiner Facebook-Seite einen Besuch abstatten. Und suchend warten und wartend suchen. Darauf, dass irgendwer dir einen Apfelbaum malt. Dass irgendjemand für dich geben auf leben reimt und dein noch nicht angefangenes Gedicht vollendet. Dass jemand für dich singt, der nicht singen kann, um dir zu beweisen, dass es sich lohnt.

Nach einer Stunde wirst du wissen, was jeder macht und jeder tut. Aber du wirst niemanden mehr kennen. Nach zwei Stunden weißt du dann, was jeder mag. Aber du wirst niemanden mehr mögen. Noch nicht mal mehr dich selbst. Dann wirst du das Internet verlassen. Einsamer als je zuvor. Das Schlimmste: Du wirst wissen, dass du wieder kommen wirst, um zu suchen, was überall ist, aber nicht da, an diesem Ort der oberflächlichen Belanglosigkeit," antwortete der Tag etwas zu ausführlich.

Ich nehme einen letzten tiefen Zug von der Zigarette, trinke den letzten, laukalten Schluck Kaffee und gehe mit dem Tag ins Internet.



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