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Atmen

 

Irgendwann mitten in irgendeiner Nacht. Es ist nicht ganz dunkel, das Licht vom Nachbarhaus fällt sanft in das Zimmer, obwohl die Gardinen fest verschlossen sind. Schemenhaft kann man die Stühle, den Tisch, den Schrank und die Bettkante erkennen, eben die typische Einrichtung eines Jugendherbergszimmers.

Sie ist schon eine ganze Weile oben wach. Hat gesagt, sie würde besser einschlafen können, wenn sie nicht zu zweit auf dieser schmalen Matratze liegen würden. Daraufhin hat er sich nach unten verlegt. Mittlerweile fragt sie sich, wie sie auf diese dumme Idee überhaupt kommen konnte. Denn sie hört ihn atmen, ganz leise in der nächtlichen Stille. Kann ihn aber nicht sehen, oder gar anfassen. Sie ist sich nur sehr genau bewusst, dass er direkt unter ihr liegt. Und statt selbst zu schlafen, sehnt sie sich nur noch danach, ihn zu berühren. Statt wach zu bleiben und ihn zu spüren, ist sie jetzt einfach nur noch wach. Lange überlegt sie, was sie machen soll. Sie kann doch nicht herunter gehen und ihm sagen, dass sie zu ihm ins Bett will, nachdem sie ihn hinaus geworfen hat. Das wäre doch absurd. Erst mal geht sie die Leiter hinab, denn sie hat sowieso Durst und möchte schauen, wie spät es ist. Dann setzt sie sich auf den Fußboden und kann ihn von dort immerhin ansehen. Dass es kalt ist, ist ihr dabei egal. Wecken möchte sie ihn nicht.

Schon wenige Minuten später wird er von selbst wach. Er merkt sofort, dass sie dort unten ist statt in ihrem Bett und wirkt etwas verwirrt. Vielleicht hat er gehört, dass ihr Atem von vorn und nicht von oben kommt. Denn um sie schon sehen zu können, ist es doch etwas zu dunkel. Er fragt sie, was sie dort machen würde, und sie sagt ihm, dass sie nicht schlafen könne, wenn er da wäre aber doch nicht neben ihr.

Kurz darauf liegen sie wieder gemeinsam unter einer Bettdecke, spüren, sehen und hören sich. Und irgendwann schläft auch sie ein.



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