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Ulrike Melzer, 36, Writer and Poet, living in Gießen


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One Thing

Oder: Verändere mich.

 


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Ich habe nicht nach euch gesucht, ihr seid unerwartet und uneingeladen in mein Leben gekommen, habt es zerstört um es wieder neu aufzubauen. Ich wollte diese Veränderung nicht, weil sie mir mein Chaos bewusst macht, mich bewusst, lebendig macht und so wache ich auf, muss der sedierenden Apathie entkommen, um die Begegnungen mit euch auszuhalten. Es ist diese eine Sache, der Unterschied zwischen den Realitäten, die gleichzeitig in uns existieren.


1.
Du warst plötzlich da, wie etwas, das stört, kratzt. Du warst die Verkörperung des Fremden. Die Antwort auf nicht gestellte und doch dringende Fragen. Du hast dich immer versteckt, immer in meiner Nähe, in der Hoffnung, irgendwann mal mit mir sprechen zu können. Ich wollte dich nicht sehen. Bis du mich gesehen hast. Das hat mich verändert. Weil ich dann außer mir noch so viel sehen konnte. Die Welt, die anderen Menschen. Wir haben nie geredet, weil es zu viel zu sagen gab. Unsere Gespräche führten wir mit Blicken, telepathisch. Du erinnerst mich an einen Traum, hast du gesagt. Du erinnerst mich an das Meer, organge Straßenlaternen und diese Bars in Herbstnächten, an Ian Curtis und das Gefühl, das man bekommt, wenn man David Bowie hört. Wenn du dir selbst jemals untreu wirst, sagtest du, lache ich dich so lange aus, bis du wieder du selbst bist. Was soll ich denn ohne dich machen, wohin soll ich denn gehen, schrie ich als du mich verlassen hast. In die Welt, das war deine Antwort. Du wirst noch Andere treffen, die so sind wie ich. Bis du dir die große Frage stellst. Welche Frage? Du bist verschwunden. Und ich kam an in der Welt.

2.
Du hast so angepisst an der Wand gelehnt. Dein Blick sagte nur. Geh endlich. Deine Schwester sagte, eigentlich ist er ganz toll. Und komischerweise glaubte ich das sofort.Du konntest mich nicht leiden und doch verbrachten wir Zeit miteinander. Immer wieder. Wir tranken Wein, trampten, liefen barfuß durch die Stadt. Solche Sachen gingen gut. Wie Geschwister stritten wir viel und nervten einander, wie Geschwister hielten wir trotzdem zusammen, auch ohne große Aussprache. Vor Anderen verteidigten wir einander, ganz selbstverständlich. Wenn Negatives über dich geredet wurde, lachte ich und ging. Diese Hohlköpfe kannten dich nicht. Nicht deine Verrücktheit und Eigensinnigkeit. Sie konnten mich nicht da erwischen, wo es weitergeht. Zu etwas Anderem, das viel höher ist als wir.

3.
Du hast nicht viel gesagt, bei dieser ersten Begegnung. Blass, Kate-Moss-like hast du ausgesehen. Wir waren beide Britpop-Fans. Das verband uns. Du hast mich nie mit zuckrigen Liebesbekundungen begrüßt, wie die anderen Mädchen. Du warst nie ein Mädchen. In deiner Nähe fühlte ich mich wohl. Deine Eigensinnigkeit beruhigte mich, dein trockener Humor, die Klarheit und Ehrlichkeit deiner Worte. Die  Härte, die noch immer wehtut, mich aber noch genauso rettet, wie damals. Die Zuneigung, die ehrlich ist und daher viel nachhaltiger. die Sätze die du manchmal sagst, inspirieren mich zum Schreiben. Weil dein Blick auf die Welt freier und weiter ist, nicht von Konventionen beengt.
4.
Du bist ein Tussi, erzählte man über dich. Ein blondes Lipgloss-Barbie-Girl. Das stimmte nicht. Das wusste ich sofort, als ich dir begegnete. Du sagst diese schlauen Dinge über Religion, Philosophie, Psychologie und Politik. Eigentlich könntest du ein Buch schreiben. Wegen dir weiß ich, dass man alles überleben und durchstehen kann: Liebeskummer, Krankheiten und Lebenskrisen. Bei Liebeskummer nur Phoenix schauen, bei Krankheiten nach Lösungen suchen, bis man wieder aufstehen kann. Wir waren zusammen, bei allem, was glücklich und traurig macht. Nicht die gemeinsamen Hobbies haben uns, mich, 3. und 4. zusammengehalten. Dafür hatten wir Freunde in der normalen Welt. Nicht die gleiche politische Einstellung, oder ein gemeinsames Umfeld. Wir sind durch ganz Deutschland gefahren, um gemeinsam in anderen Sphären zu schweben.
5.
4. kannte dich schon, ich wusste nicht, ob ich dich jemals kennen würde. Du hast meinen Humor nicht verstanden, ich habe dich nicht verstanden. Es war, als würden wir unterschiedliche Sprachen sprechen. Ein Urlaub zwang uns dazu, miteinander auszukommen. Die Gespräche entstanden absichtslos, genauso wie die Nähe, die nicht mehr wegging. Wir waren irgendwann zu dritt, Marsmenschen hast du uns genannt.  Wir liefen nachts durch Weimar und redeten über unsere Vorfahren. Darüber, wie Geschichte uns prägt. Wir saßen mit unseren Laptops in Cafés herum, du hast deine Essays geschrieben, ich mein Buch. Du machst mich wach, wie der Espresso, den du jeden Morgen in deiner Bialettikanne zubereitest. Weil du provozierst und hinterfragst. Und mir damit die Angst nimmst, dasselbe zu tun.
6.
Kommt da noch jemand? Fragte ich ängstlich, als ich erwachsen war und nicht mehr wollte, dass da noch jemand kommt. Ich hatte eine Welt ohne Gegensätze gefunden. Geborgenheit, Liebe und Harmonie. Dann hast du mich gefunden. Am Anfang war die Skepsis. Weil ich sofort wusste, dieser Mensch bringt wieder alles durcheinander, er stört. Willst du das? Nein, sagte ich und hörte dir dennoch zu. Erstaunt. Weil du neue Gedanken, radikale, kompromisslose Gedanken nicht nur gedacht, sondern gelebt hast. Weil wir in der gleichen Welt zuhause sind, die ich beim Schreiben betrete. Weil wir beide in verschiedenen Alltagswelten leben, die schon geordnet und nicht mehr offen für etwas Neues sind. Du bist geblieben und wirst wohl nicht mehr gehen. und ich misstraue dir immer noch, weil du der erste Mensch bist, den ich nicht ändern will. Für den ich nichts ändern will. Weil wir unseren inneren Kern sehen können. Weil du, wenn du mich siehst, wirklich mich siehst und ich sehe dich. Es ist gut zu wissen, dass da jemand ist, der klar sieht, egal was noch passiert. Am Ende warst du es, der in mir diese große Frage hervorbrachte: Warum schreibe ich?

Wegen dieser einen Sache, mit der wir Menschen niemals fertig werden: Das Schicksal der dualen Welt. Wir versuchen lebenslang, Gegensätze zu vereinen. Wir begreifen, dass scheinbare Gegensätze in uns gleichwertig nebeneinander existieren. Dass unterschiedliche Wahrheiten zur gleichen Zeit wahr sein können. Das macht uns verrückt. Es ist die Angst vor der Beliebigkeit des Chaos.Doch wenn ich die Gegensätze in mir und der Welt annehme und verstehe, erkenne ich den viel tieferen Sinn.  Wenn ich schreibe, zeige ich die Schönheit dieser Gegensätze, entziehe mich der Wertung und komme so einer Wahrheit näher, die wir selbst erkennen und nicht künstlich erschaffen.
Verändere mich, sage ich, verändert mich. Dann verändere ich euch auch und habe irgendwann keine Angst mehr davor. Dann verlasse ich das, was ich kenne, um dieser einen Sache zu vertrauen, die wir nicht verstehen.



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