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paganiente

Poly

Manche Geschenke kann dir nur der Schmerz überreichen.

 

Manche Geschenke kann dir nur der Schmerz überreichen. Eine Geburt. Ein beschwerlicher Pilgerweg. Im drittklassigen Bus sitzen, frierend vor künstlicher Luft, klebriger Salsarythmus der Liebe zelebriert und durch das schmierige Fenster dich Schwesterchen auf dem Bordstein sitzen sehen. In deinen Armen dein neues Abenteuer. Schulter an Schulter mit dir wartend auf eure Kutsche nach Elysium.

In keinster Weise reichen Worte um unsere Reise zu beschreiben. Wie wir flogen. Wir weinten. Wir wuchsen und uns vereinten. All die Kreise die wir zogen um nun hier zu enden.


 

Die Wellen der Karibik streicheln unser Boot, während wir zur nächsten Insel gleiten. Du bist an meiner Schulter eingeschlafen, ich drücke dich an mich, klammere mich an deiner Rettungsweste fest damit uns keine überraschende Woge trennt. In deinem Gesicht entdecke ich wieder das Lächeln, welches mir schon damals in der Busstation das Herz erwärmt hat. Dann sass ich neben dir, während wir über Guatemalas Strassen gefahren wurden und wir nicht aufhören konnten zu lachen. Wie wir unsere Reisemissgeschicke teilten, uns gegenseitig über unsere Tollpatschigkeiten amüsierten. Über ein Monat ist das her und immer noch reisen wir Schulter an Schulter. Kein Streit hat uns bisher heimgesucht, kein Interessenskonflikt getrennt. Es ist gespenstisch, wie sehr wir uns ähneln. Bevor ich weiss, dass ich bereit bin für ein Bier, hast du mir schon eins gereicht. Wenn du aufwachst wartet die Kaffeetasse bereits auf deine Gesellschaft. Wir können Sonnenuntergänge hindurch gemeinsam schweigen und Räusche hindurch ins Morgen tanzen. Ohne Unruhe. Ohne Linien ziehen zu müssen um uns Raum zu bewahren. Über Seelenverwandtschaft habe ich mir nie den Kopf zerbrochen und dank dir in meinem Arm, muss ich das nicht. Dafür will ich dir danken Schwesterchen, den im Spiegel entdecke ich jeden Tag einen neuen Menschen.

Du schnallst dir deinen Rucksack um, auf den Fahnen von deinen Expeditionen fabulieren. Ich warte darauf, dass der Chauffeur meinen unter dem Berg von Gepäck ausgräbt. Taxifahrer schreien uns an, fragen wohin sie uns bringen sollen. Du ziehst deinen Lonely Planet heraus und versuchst dich zu orientieren. Trennen sich hier unsere Wege? Es wäre schade. Ich habe mich lange nicht mehr so amüsiert wie auf dieser Fahrt. Deine Einfachheit über dich selbst zu lachen ist schwer ansteckend. Ein Knacks den ich an mir vermisst habe. Aber Reisen heißt Kennenlernen, wie Abschiednehmen, surfen zwischen Gesellig- und Einsamkeit. Ich habe zu lange einen Tisch geteilt mit meinem Schatten. „Wie klingt Hostel Esperanza?“, fragst du endlich. Ich empfange meinen Rucksack. „Ich folge dir mal. Meine letzten Hostelentscheidungen, waren ja nicht so besonders.“ Da ist er wieder dein dreckiger Lacher. Schadenfreude kitzelt dir Tränen in die Augen. „Dafür darfst du mit dem Taxifahrer verhandeln. Wer weiss wo ich sonst wieder lande.“

Dein berauschter Schatten ruht auf dem Bett. Ich schleiche in das Zimmer und stelle dir eine Wasserflasche hin. In wenigen Stunden wirst du aufwachen, die Toilette aufsuchen und anschliessend von Durst heimgesucht werden, wie jede Nacht. Dein Schatten erkennt meine Schritte und du reichst mir die Hand. „Komm zu mir.“ Ich zögere. Du bist betrunken mein Schwesterchen. Uns trennen Jahre und ich muss auf dich aufpassen. Du packst mich und ziehst mich zu dir hinab, dein Körper schmiegt sich an meinen, du öffnest deine Beine und empfängst meinen Oberschenkel in deiner Bucht. Dein Kopf bettet sich auf meinem Arm, das Haar riecht nach Meer, dein Hals nach Zärtlichkeit. Unsere Hände erforschen die Haut des Anderen zum ersten Mal. Ein Kuss und wir werden in einem unbekannten Morgen erwachen. Bleiben wir hier! Der nächste Schritt wird uns näher bringen, oder unsere Sandburg hinweg spülen. Sollen wir es wagen? Alles oder nichts? Ich will dich nicht verlieren. Bitte ziehe dich danach nicht zurück. Wir brauchen uns jetzt. Als deine Lippen meinen Nacken berühren, verstummen meine Gedanken und ein neuer Morgen beginnt.

Du kommst von der Bar zurück mit drei Bieren, reichst mir und der Kanadierin, deren Name ich bereits wieder vergessen habe, du bestimmt auch, obwohl wir den ganzen Tag am Strand mit ihr verbracht haben, jeweils eines und sagst: „Die Jungs und ich gehen kurz einen Snack holen. Wollt ihr auch etwas?“ Wir verneinen beide und schon sehe ich dich mit den Australiern um die Ecke biegen. Schwesterchen dein Schachzug war nicht so subtil wie du vielleicht glauben magst. Dennoch erwacht ein Leuchten in den Augen der Kanadierin. Joan? Jennifer? Ja, was weiss denn ich!? Sie rückt einen Stück näher, dreht ihren Stuhl zu mir und beginnt mich auszufragen über dich und unseren „offiziellen Status“. Schwesterchen, was soll ich sagen? Was kann ich sagen, wenn die Dinge ihren Lauf nehmen sollen? „Wir sind nur gute Freunde die gemeinsam reisen“, antwortet meine Libido. Über eine Woche ist es her, dass wir zuletzt miteinander geschlafen haben Schwesterchen. Ist es also eine Lüge? Brodelt etwas unter der Oberfläche? Das denke ich nicht. Du hast mir Äste der Zweisamkeit gezeigt, die ich bisher nicht zu berühren wagte. Da liegt ihre kanadische Hand auf meinem Knie und sie wünscht sich zum Strand zu gehen und die Sterne zu bewundern. Gut gespielt! Wir werden uns morgen sehen Schwesterchen. Ich hoffe deine Nacht wird so sternenreich wie meine.

Wie das Schachbrett in den Falten deines Handtuches liegt nun die Stadt vor mir. Ihre hochgebauten Türme, um den reichen Bewohnern Blicke aufs Meer zu ermöglichen, bedrohen die Harmonie der umgebenden Berge. Die kleineren Häuser formiert wie Bauern, umzingeln dich - irgendwo darin - im Geflecht von Beton. Auf meinem Hochsitz im fernen Dschungel bin ich verdammt dazu dich zu imaginieren Schwesterchen.

Ich spüre dich durch die dreckigen Strassen schweben, die lustvollen Blicke der Männern deine Beine hinauf wandern. Höre die Hupen die deinen betörenden Gang zelebrieren. Ein Strassenhändler schnalzt mit der Zunge, während er in deinen Ausschnitt taucht und dir mit seinen süßen Worten wieder und wieder ein Lächeln entlockt. Der Nektar seiner Worte schmeckt nach Freiheit, Lebensfreude, einer Welt die ich nicht mehr mit dir teilen kann.

Im Hostel versuchen dich falsche Hippies mit Plattitüden trommelnd in Ekstase zu versetzen. Es sind Kannibalen die nach deinem Fleisch trachten. Dein Glaube an das gute im Menschen, ähnelt der Orientierungslosigkeit des Nachtfalters. Er braucht den Mond. Du suchst das innere Licht unserer Spezies um dich inspirieren zu lassen. Doch am Ende landet ihr nur als Beute an der Zunge eines lachenden Reptils.

Aus meinem Exil sehe ich den Strandort vor mir. Dort wo ich dich zurücklassen musste, weil du das Rauschen meiner Zuneigung nicht mehr ertragen konntest. Hier werde ich warten bis du mich brauchst, in der grünen Hölle der Sierra, im Fieberwahn auf der Terrasse.

Du küsst dein neues Abenteuer. Mein Fahrer hupt zweimal, mehr und mehr Fahrgäste tröpfeln herein. Bitte du nicht auch Schwesterchen! Doch du bleibst sitzen und blickst dein neues Abenteuer verträumt an. Sie sieht hübsch aus, bestimmt Argentinierin. Sie umarmt dich und schenkt dir einen leidenschaftlichen Kuss. Wir haben das nie in der Öffentlichkeit getan, nur im Schutz der Dunkelheit unserer Zimmer. Jeder Mensch ist ein Polygon von Spiegeln, was du wann darin findest bestimmt die Weisheit von Sonne und Mond.

Ich habe verstanden, dass deine Entscheidung für dich keine Entscheidung gegen mich bedeutet hat, dass du deine eigenen Geschichten erleben musst, fern von meinem Dunstkreis. Es ist endlich eingesunken in meinem seichten Ich, dass wir uns nicht festkrallen dürfen, an dem was uns verzaubert. Die Magie der Sandburg entspringt ihrer Vergänglichkeit. Ihrem kurzen Augenblicken des Triumphes über die Gezeiten. Aus Sand wird wieder Strand, doch niemand kann uns das Getanzte wegnehmen.

Ich habe verstanden, dass mein Dämon sich von Angst ernährt. Meiner Angst vor Einsamkeit. Die Furcht dich zu verlieren, war die Furcht mit mir alleine zu sein. Das Fieber ist überstanden. Einsam sind die, die sich nicht genug sind, doch in den Spiegelungen deiner Augen fand ich wer ich sein will. Entschuldige meine Trägheit, nun bin ich bereit alleine zu wandern.

Du siehst endlich wieder glücklich aus Schwesterchen. Unsere Zeit war eine Kurzgeschichte die ich wieder und lange lesen werde.






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