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Bilanzen

Shortstory

 

Bilanzen

Brauer unterschreibt. Er signiert sein halbes Leben.

Nachlässig schiebt er die Dokumente in den Ordner zurück.

In der anderen Sammelmappe befinden sich noch die letzten Reste einer Karriere:

Verträge seiner Automobile. Maklerkorrespondenz. Fotos seiner Häuser in der Südsee, auf Sylt und anderswo. Letzte Bestellungen im Auftrag seiner Firma. Alles Geschichte. Alles fort. Nicht mehr seines.

Kiki schaut ihn aus dem Bilderrahmen auf seinem Schreibtisch an. Blond,

langbeinig, weißzahnig. Eine ebenmäßige Schönheit. Auch Kiki gehört nicht mehr zu seinem Leben.

Jetzt nur mehrere hundert Euro im Monat. Mehr brauchte er nicht. Brauer entnimmt der Mappe noch letzte Auszüge und steckt sie in den Aktenvernichter.

Der Reißwolf macht sich über das Papier her und hat es in Sekunden einverleibt.

Brauer klappt den Fotorahmen auf und entnimmt Kikis Foto. Auch Kiki wird in Sekundenschnelle verschlungen. Er kommt in Fahrt. Versicherungspolicen folgen. Auflistungen privater Bankhäuser. Alles null und nichtig. Brauer hat jetzt weniger. Brauer wird klarkommen müssen. So ist es abgemacht. Brauer hat keinen Plan, aber ein Gefühl. Und dieses Gefühl heißt:

Erleichterung.

Nun ist er alles los.

Brauer setzte nämlich einen Vertrag auf. Mit sich selber. Mündlich. Er glaubt daran, weiß jedoch nicht, ob es gelingt. Er will ein anderer werden.

Zwei Rucksäcke mit Dingen, von denen er sich nicht trennen will, stehen schon gepackt da.

Brauer ist nun kein Millionär mehr. Er ist ein Verschenker. Brauer ist jetzt ein Bescheidener. Ein Zeitneureicher. Ein Großgrundherzbesitzer. Brauer wird endlich leben. Richtig leben und vielleicht lieben. Richtig lieben.

Brauer ist ein Suchender.

Er nimmt den Papierbehälter des Schredders heraus, öffnet das Fenster und wirft mit beiden Händen die Schnipsel seines alten Lebens aus dem Fenster. Die Papierstreifen wirbeln durch die Luft, um dann langsam die acht Stockwerke herunter zu trudeln.

Brauer lehnt sich zufrieden aus dem Fenster und schaut dem Papierregen nach.

Dann nimmt er seine Rücksäcke, die so leicht sind, und schließt die Bürotür.



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