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Sagen wie es ist.


theobald1oj1fuchs

Südseekulissen in Samoa

Seeigelstachel, eine Ukulele und der jüngste Sohn

Mr. Fao Fao ist Gastwirt, Hotelier, Entertainer und Familienoberhaupt in einer Person. Er ist seit 26 Jahren mit Mrs. Fao Fao verheiratet, die er, wie er verkündet, immer noch liebt, weil sie so gut kocht. Davon, dass zumindest letztere Aussage den Tatsachen entspricht, können wir uns während unseres Aufenthalts selbst gründlich überzeugen. Sieben Kinder haben die Fao Faos. Zur Großfamilie zählen außerdem noch Mr. Fao Faos Schwester mit ihren zwei Kindern, ein paar Neffen und Nichten, ein Großvater, eine Schwiegertochter und ein Enkelkind, sowie drei namenlose Hunde und ein Typ, der sieben Tage lang hintereinander dasselbe gelb-schwarz gestreifte Hemd trägt und zum Abendbrot ein bisschen auf einer Ukulele zupft.

 

Sandstrandstandstreifen

Jeden Mittwoch müssen Mr. Fao Faos Töchter für die Gäste einen traditionellen samoanischen Tanz aufführen, der im Grunde nur darin besteht, mit dem Hintern, der in einem Bastrock steckt, zu wackeln. Die Töchter machen das mehr oder weniger unwillig und scheinen auch nicht wirklich Talent dafür zu besitzen. Star des Abends ist vielmehr eine ehemalige Miss Samoa, die in einem glitzernden blauen Bikini auftritt und mindestens zwei zusätzliche Gelenke im Bereich des unteren Rückens besitzt. Den Rest der Zeit wohnt sie, vermutlich auf Kosten des Hauses, in der zweistöckigen Luxus-Strandhütte. Dort lässt sie sich, wenn sie nicht gerade ein ausgiebiges Sonnenbad nimmt, von mehreren Assistenten massieren und ihre Haare pflegen. Sie ist mit einem grauhaarigen, dürren Neuseeländer verheiratet, der praktisch auch zur Familie gehört. Russell heißt er und verbringt den Tag im Wesentlichen damit, mit den anderen Gästen Tee zu trinken und zu rauchen.

 

Mrs. und Mr. Fao Fao beim sonntäglichen Besuch des Kongregationalistischen Gottesdienst

Den blendend hellen Sandstrand entlang reiht sich Hütte an Hütte. Eine jede nichts weiter als eine hölzerne Plattform, aus groben Dielen gezimmert, darauf sechs oder acht Pfosten, die ein Dachgebälk tragen. Die Balken und Latten sind zum Teil bemalt, durchlöchert oder unpassend zugeschnitten und mit bunten Elektrokabeln verschnürt. Das dürften Trümmerteile sein, Überreste der Häuser und Hütten, die hier bis zum Tsunami im November 2009 standen. Der ovale Dachstuhl ist wie mit Dachschindeln mit Palmblättern gedeckt, in ordentlichen Reihen ringsum, oben abgeschlossen von einem First, der von einem geknickten Wellblech oder einer dicken Plastikplane dargestellt wird, die mit – ebenfalls beschädigten – Hohlblocksteinen beschwert ist. Immerhin: dicht ist das Dach, davon können wir uns jeden Tag überzeugen, denn noch ist die Regenzeit nicht endgültig vorüber. Über dem Pazifik wechselt ständig die Wolkenkulisse, türmen sich gewaltige Gewitterblumen, liegen Blitze horizontal zwischen den Wolkenbergen oder stoßen vom schwarzen Zenit bis in die See. Meistens gegen Morgen, vor Sonnenaufgang gehen Regenschauer nieder, aber auch tagsüber sieht man immer irgendwo draußen über dem Pazifik, dem Anschein nach eine Tagesreise entfernt zwischen dem gekrümmten Horizont und den bizarren Wolkenkonstruktionen graue Schleier hängen.

Zwischen den Hütten sprießen Palmen ohne Zahl, schwer mit Kokosnüssen beladen, braunen und gelben Klötzen, die man definitiv nicht auf den Kopf bekommen möchte. Direkt am Strand ist das Meer flach und türkis, glasklar und ruhig, doch ein paar Hundert Meter draußen brechen sich gewaltige Wellen am Riff. Ein ununterbrochenes Donnern und Tosen erfüllt die Luft, das Zischen und Rauschen der Schaumkronen gehört untrennbar zur Filmkulisse für einen Rum-Werbespot.

 

Palazzo Pazifico

Der älteste Sohn, Mr. Fao Fao junior, ist bereits verheiratet und Vater einer kleinen Tochter, die ständig von einem weiblichen Familienmitglied zum nächsten gereicht wird. Er und sein jüngerer Bruder müssen nicht mit den Hüften wackeln, dafür allerdings den traditionellen samoanischen Feuertanz aufführen. Jeden Freitag nachts am Strand. Zuvor jedoch wird noch traditionell zwischen Korallen gefischt, zu meiner großen Enttäuschung jedoch ohne Dynamit.

Ein älterer Nachbar steigt nämlich mit Schnorchel, Taucherbrille und Taschenlampe bewaffnet ins Wasser. Er tapst fast eine Stunde lang weit draußen herum. Wir sehen nur den Lichtschein dicht über der Wasseroberfläche hin und her zucken, sowie in einiger Entfernung links und rechts weitere Lichtreflexe, die andere Schnorchelfischer verraten. Mit Hilfe einer hölzernen Grillzange ziehen sie alles Getier aus dem Wasser, das das Pech hat, in den Lichtkegel ihres Scheinwerfers zu schwimmen. Die ekelhaftesten Wesen ziehen sie aus dem Wasser, widerliche Kreaturen der ewigen Nacht.

Als er endlich wieder zum Strand gewatet kommt, schleppt der Eingeborene, dessen etwas dicklicher Körper in einem krachbunten und klatschnassen T-shirt steckt (der Samoaner geht nur komplett bekleidet ins Wasser), einen struppigen Plastiksack hinter sich her, in dem er den Fang gesammelt hat (und der früher wohl aus China importierten Reis enthielt).

Die Fische, die er hervor zieht, sehen noch harmlos aus – sie sind allesamt sehr flach und bunt, in der Regel quer gestreift, orange auf weiß oder gelb auf blau usw. Ein Tintenfisch, den das Licht angelockt hat, landet mit den Fischen auf der Glut eines Lagerfeuers, das aus Bruchholz in einer Sandkuhle geschürt wird, und verbrutzelt innerhalb von Minuten zu ungenießbarer Kohle. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, entlässt der Sack zum Schluss fünf fette Seeigel, pechschwarz mit fingerlangen Stacheln, die tödlich wie eine Kalaschnikow aussehen.

„Don't touch!“ sagt der Fischer, eine Warnung so überflüssig wie ein Heizstrahler in der Strandhütte.

 

Kriechende Pflanzentiere

Dann zeigt er uns, wie diese Viecher gegessen werden: er packt sie wieder in den Sack und reibt sie solange gegeneinander, bis die Stacheln abgebrochen sind. Nun kann er sie in die Hand nehmen, mit den Daumen die Unterseite – vermutlich den „Bauch“ – eindrücken und das Maul dieser Untiere mitsamt aller Organe herausreißen: eine schluddrige Masse, an der fünf oder sechs nach innen gerichtete Zähne hängen, mit denen der Seeigel den Untergrund abgrast oder das einströmende Wasser filtert – was auch immer dieses Vieh in seiner Freizeit macht. Besser: gemacht hat, denn spätestens jetzt ist es endgültig tot. Ein Schwall Wasser spritzt heraus, Süßwasser, wie der Fischer erklärt, das als Delikatesse getrunken wird. Zum Beweis nimmt er einen tiefen Schluck und stöhnt befriedigt: „Aaahhhh!“

Die Innenseite der hohlen Schale ist mit gelben Muskeln ausgekleidet, die der Samoaner mit den Fingern herauszieht und roh verschlingt. Er bietet jedem Zuschauer an, ebenfalls zu kosten. Ein paar Hungrige stecken sich zuckendes bienengelbes Fleisch in den Mund, ich allerdings habe zum Glück schon gegessen, Mutter Fao Faos Curryreis. Vermutlich werde ich als einziger diesen Abend überleben.

 

Seeigelernte

Sein ökologisches Bewusstsein tut der Fischer, nachdem er das Korallenriff halb entvölkert hat, ebenfalls kund: es sei ganz wichtig, die Reste der Meeresfrucht wieder dem Meer zu übergeben, damit die anderen Wesen davon fressen könnten. Die oberschenkeldicken Seegurken zum Beispiel, die sich obszön am Meeresgrund wälzen und deren Haut nur leicht giftig ist. Oder der pazifische Dornstechermörderhecht. Ökologie kann so einfach sein!

Endlich stoßen die beiden Feuertänzer dazu. Der ältere beginnt, einen Stock, der an beiden Enden mit in Petroleum getränkten Lappen umwickelt ist, im Kreis zu wirbeln, erst mit zwei Händen, dann nur noch mit einer, dann mit der unfassbar weit hervor gestreckten Zunge. Das ganze wirkt ziemlich beeindruckend, vor allem, weil man merkt, dass der Tänzer ziemlich außer Übung ist. Früher muss er ein Meister gewesen sein, aber heute beeinträchtigt das nicht geringe Übergewicht, das er und sein Bruder mit sich herum schleppen, ihre Gelenkigkeit doch offensichtlich. Der Ältere erzählt, dass er vor ein paar Jahren noch an Wettbewerben teilgenommen hätte. Angeblich schaffte er es bis in internationale Ausscheidungen, trat einmal sogar an gegen Abgesandte aus berühmten Feuertanz-Nationen wie Hawaii, Fidschi, Tonga, Neuseeland, den Gesellschaftsinseln oder den Salomonen, und wurde am Ende fünfter von zwölf Teilnehmern.

 

Ocean of Light

Nachdem der ältere den Stecken in den Sand fallen gelassen hat, übernimmt sein kleiner Bruder. Dieser ist noch pummeliger, sein Tanz wirkt noch tragischer und bald liegt er japsend im Sand, mit qualmender Beinbehaarung.

Ein paar Tage zuvor feierte er seinen einundzwanzigsten Geburtstag. Aus diesem Anlass brachte ihn sein Vater nach Apia, die Hauptstadt Samoas, wo jeder Samoaner hin muss, um die Fahrprüfung zu absolvieren. Diese besteht darin, dass der Prüfling zu einem Berg außerhalb der Stadt fahren muss, wo der Prüfer an einer zufällig ausgewählten Stelle anhalten lässt. Dann muss der Prüfling bergaufwärts anfahren, ohne dass er den Motor abwürgt, oder ein kleines Bestechungsgeld zahlen. Anschließend wird feierlich der Führerschein überreicht.

Der kleine Bruder ist das dickliche Sorgenkind seiner Mutter. Sie erzählt uns ein paar Tage später ausführlich von ihrer Familie und klagt, dass ihr Zweitältester nie Lust auf Schule gehabt hatte. „He don't like nothing. Only drawing pictures and playing guitar.“

„Maybe he's an artist?“, fragen wir mitfühlend.

„I hope not“, sagt sie resigniert.

Eines Abends hat eine blonde Dänin eingecheckt und räkelt ihre schneeweißen Speckschwarten in der Sonne. Sofort tauchen vier Jungs auf und entscheiden, dass der Uferstreifen direkt unterhalb der skandinavischen Venus der ideale Ort für ein schnelles Zwei-gegen-zwei ist. Sie kicken den Ball laut kreischend, aber dafür vollkommen sinnlos hin und her. Der zweitgeborene Fao Fao ist auch dabei, seine Freunde lassen sich theatralisch ins Meer fallen, reißen sich die T-shirts vom Leib, und stellen ihre nassen, muskulösen Körper zur Schau. Die Dänin ignoriert den Tumult souverän, doch der kleine Fao Fao schenkt ihr als einziger keine Beachtung. Er behält das T-shirt an und kreischt noch alberner als seine Freunde, denn der blonde deutsche Abiturient in der Hütte nebenan ist es, den er ganz verliebt beobachtet.

 

Tsunamigedächtnisruine

Der arme Kerl, denken wir, es wird nicht einfach für ihn werden, in einer der entlegensten Ecken der Welt, in einer bis ins Mark christlich-konservativ geprägten Clan-Gesellschaft, in der der Begriff „homosexuell“ nicht einmal existiert. Eine besondere Erscheinung der Samoanischen Kultur ist nämlich quasi als Ersatz die Fafafine (Internet: „Fa = die Art, fafine = die Frau“), also Männer, die sich wie Frauen kleiden und verhalten. Wir sahen einige Fafafine in Apia und hörten von Russell, dem Neuseeländer, dass diese vor allem als Tänzer oder in der Modebranche arbeiten, da sie als feinsinnig und kreativ gelten. Die Fafafine, die ich sah, waren allesamt extrem groß (mindestens zwei Köpfe größer als ich!) und breitschultirg – aber nicht dick, wie die Mehrzahl der echten samoanischen Frauen. Insgesamt sahen sie mehr als alles andere wie American Football-Spieler im Faschingskostüm aus, aber sie gelten laut Russell weder als homosexuell noch als Transvestiten. Sie sind eben Fafafine – und nichts anderes.

Im Augenblick jedenfalls himmelt der zweitgeborene Fao Fao den einen oder anderen europäischen Gast seines Vaters an und versorgt sie mit selbst angebautem Gras, die Einheit, die sich in einer Woche nur mit Mühe (verb-)rauchen lässt, für sagenhafte fünf Westsamoanische Tala. Das Beste für ihn wäre es aber vermutlich, nach Neuseeland zu emigrieren, nach Auckland, wo schon mehr Samoaner als auf den Inseln selbst leben. Dort könnte er seiner Familie und der Kirchengemeinde entkommen, seine Homosexualität offen ausleben und seine künstlerischen Neigungen entfalten. Das größte Hindernis dürfte allerdings sein, dass niemand auf der Welt so gut kocht wie seine Mutter zu Hause, in der Hütte am Palmenstrand ...



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