published in 'Encounters von Juptr' on Juptr.io

0
0

Das Mädchen 

#encounters 

 

Man sagt, Kinder seien schwach und man müsse sie beschützen. Ich habe jedoch ein Kind, ein Mädchen, kennengelernt, das ich für seine Stärke und Unbezwingbarkeit immer bewundert habe. 

Unsere gemeinsame Geschichte begann, als unsere Mütter zur selben Zeit schwanger im gleichen Krankenhaus lagen. Ich wurde knapp 2 Wochen eher geboren, aber hier fing wohl alles an. 

Als Babys lagen zum "Spielen" oft nebeneinander und teilten etwas unfreiwillig unser Spielzeug miteinander. Was wir beide damals noch nicht ahnten, war, dass das Mädchen, meine älteste Freundin, schwer krank war.  Die Ärzte gaben ihr knapp 3 Jahre. 

Als wir etwas älter wurden, gingen wir in denselben Kindergarten - jetzt spielten wir wirklich miteinander. Wir schaukelten, rannten um die Wette und ... gingen gemeinsam zur Physiotherapie. Für mich war es damals klar, dass wir alles gemeinsam machten.

Anfangs war mir nicht klar, warum meine Mutter immer sagte ich müsse vorsichtig mit ihr sein und aufpassen, dass sie nicht stürze. Stück für Stück konnte ich es dann sehen: das Mädchen rannte nicht mehr so schnell wie früher und ihre Beine gehorchten ihr nicht mehr richtig, ließen sich nicht mehr beugen. Mehr und mehr benötige sie Hilfe beim Bewältigen der Treppe und auch ihren Rollstuhl sah man öfter. 

Nach dem Kindergarten verloren wir uns aus den Augen, denn wir besuchten unterschiedliche Grundschulen und ihre Familie zog an das andere Ende der Stadt. 

Ende der 3. Klasse trafen wir uns wieder, doch wir hatten uns beide sehr verändert.  Es war nicht leicht sich wieder aneinander anzugleichen, doch wie Menschen so sind, hatten wir unsere Freundschaft nie vergessen. 

Nach der 4. Klasse besuchten wir dasselbe Gymnasium, doch leider nicht dieselbe Klasse. Der Kontakt war zwar da und wir redeten in jeder Pause, in der wir uns sahen, doch so fest wie früher war er nicht mehr. Mittlerweile weiß ich, dass sie schrecklich einsam gewesen war und ich schäme mich, dass mir das damals nicht aufgefallen ist. In ihrer Klasse würde sie aufgrund ihres Rollstuhls gehänselt und ich habe es nicht bemerkt. Für mich war der Rollstuhl normal gewesen und deswegen hatte ich nie bedachte, dass er ein Grund für Mobbing sein könnte. Dennoch blieb sie stark. 

Dieses Mädchen, dem erst 3, dann 6 und dann 12 Jahre gegeben wurden, machte zeitgleich mit mir das Abitur. Dieses Mädchen,  dass kaum laufen und aufgrund starker Schmerzen der Hände seine schriftlichen Prüfungen am Laptop (Mathe sogar mündlich) schreiben musste, schloss das Gymnasium als Jahrgangsbeste ab. 

Nie in meinem Leben war ich stolzer auf eine andere Person. Wenn mich ein Mensch in meinem Leben beeindruckt und geprägt hat, dann sie. Durch sie habe ich meinen jetzigen Bereich: die Physiotherapie entdeckt und noch heute, seit über 20 Jahren haben wir noch Kontakt. 

So viel zu 3 Jahren - man sollte eben doch nie aufgeben. 



Published in: