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Ich liebe das Reisen, das Lesen und das Schreiben. Diese Leidenschaften kombinieren ich mit meinem Blog. Nach Abschluss des Studiums folgte ich dem Sommer ein Jahr lang um die Welt und schrieb dabei einen Roman. Alle Informationen und viele weitere Beiträge wie diesen hier findest du auf https://goetznitsche.de


goetz

Der Annapurna-Rundweg: Wandern in 5416m Höhe

"Der Thorong La ist ein Hochgebirgspass (5416 m) im Damodar Himal nördlich der Annapurnakette in Nepal“, weiß Wikipedia zu berichten. Wie es sicht anfühlt, ihn zu Fuß zu überqueren, erfährst du allerdings nur in diesem Bericht.

 

Ich bin froh, als endlich der Wecker klingelt. Hinter mir liegt die unruhigste Nacht, seitdem ich denken kann. Ich habe kein Auge zugetan. Erleichtert springe ich in die bereitliegenden Klamotten, um der klirrenden Kälte im Raum zu entgehen. Als ich aus meinem Schlafgemacht trete, gefriert mein Atem.

Links und rechts öffnen sich weitere Türen. Tagelang war ich mit meinen zwei Freunden fast allein gewandert, jetzt, kurz vor dem Pass, tauchen mit einem Mal einige weitere Gruppen auf.

Ein zerstubbelter Stuttgarter zündet sich erstmal eine Zigarette an.

„Bist du wahnsinnig!“, will Ben rufen. Ich sehe es ihm an. Nur mühsam hält er sich zurück.

Ben ist Arzt, Fan des Himalaya und diese Symbiose ergibt ein fundiertes Wissen im Thema Höhenkrankheit. Er hat Tabletten für alle Symptome dabei. Er selbst nimmt seit gestern welche, Lars auch. Lars ist mein eigentlicher Wanderkumpel, der mich in Kathmandu besucht hat. Ben hat sich uns vor 3 Tagen angeschlossen.

Ein weiterer Deutscher tritt vor die Tür. Seine Augen sind geschwollen, er kann kaum stehen. Ben eilt sofort zu ihm hinüber.

 

Das High Camp auf 4900m. Kein guter Ort für erholsamen Schlaf.

Wir haben die Nacht auf 4900m Höhe verbracht. Das ist höher als das Everest-Basislager. Beinahe so hoch wie der Gipfel des Mont Blanc. Und eindeutig zu hoch für eine gesunde Nachtruhe. Das merken wir jetzt ganz deutlich, aber die andere Option wäre gewesen, 500m tiefer zu schlafen – und den steilsten Anstieg des Tracks am wichtigsten Tag gleich in der Früh vor der Brust zu haben.

Also waren gestern alle noch bis nach oben gestapft. Und haben dadurch als Preis für einen vermeintlich leichteren Gipfeltag soeben die schlimmste Nacht unserer Leben überstanden. Denn in dieser Höhe werden einem die Grenzen des menschlichen Körpers deutlich aufgezeigt.

Alle drei bis vier Atemzüge merkt der Körper, dass ihm Sauerstoff fehlt und holt sich, was er braucht. Je schläfriger man wird, desto stärker wird der Automatismus. Man stöhnt laut auf, inhaliert so tief man kann, zieht die Lungen voll, als tauchte man gerade von einem langen Tauchgang auf. Die ganze Nacht.

Und ich habe geträumt. Obwohl ich kein Auge geschlossen habe. Das nennt man dann wohl Halluzinieren. Wirres Zeug sah ich vor mir, völlig zusammenhanglos und meist in Verbindung mit einer Herausforderung, die ich nicht meistern konnte.

 

In den tiefer gelegenen subtropischen Tälern, dort, wo man den Annapurna Circuit Trail beginnt, dominieren Reisterrassen das Landschaftsbild

 

Nach zwei Tagen auf dem Trail sehe ich schon aus wie ein Obdachloser. Trinkwasser nehmen wir aus klaren Schmelzbächen.

 

In den höheren Lagen wandert man dann ein paar Tage durch Nadelwälder.

 

Allmählich wird es kälter. Man beachte die Mütze.

„Was ist mit ihm?“, frage ich Ben als er zurückkommt. Der Deutsche mit den vequollenen Augen sitzt zusammengekauert auf der Stufe vor seiner Tür.

„Er ist total hinüber. Ich habe ihm ein paar Tabletten gegeben. Er soll noch frühstücken und schauen, ob es ihm in einer Stunde besser geht. Wenn nicht, muss er zurück.“

Scheiße. Zurück ist so eine Sache. Seit einer Woche sind wir bereits das Tal hinauf gewandert. Angefangen in den subtropischen Reisfeldern in Nepals Tälern haben wir uns nach oben gekämpft, immer weiter, entlang des reißenden Marsyangdi-Flusses. Bis wir so hoch waren, dass von ihm nur noch ein Rinnsal übrig blieb.

In Manang blieben wir ein paar Tage zum Akklimatisieren und trafen dort eine junge Frau aus Holland. Sie hatte sich einen Tag vor uns zum Pass aufgemacht – und war uns gestern auf dem Rücken eines Pferdes wieder entgegengekommen. Sie war kreidebleich gewesen. Völlig am Ende. Das Pferd und ihr Führer brachten sie zurück nach Manang, von dort würde sie 5 Tage zurück laufen müssen.

Über den Pass zu kommen, war unmöglich für sie. Dem Deutschen mit den geschwollenen Augen droht nun dasselbe Schicksal. Die drei Männer, die mit ihm wandern, beraten sich nervös.

 

Wir passieren einige hübsche Bergdörfer. Seit Jahrhunderten sind sie nur zu Fuß zu erreichen.

 

Yaks sind unberechenbar. Ihre Hirten bleiben meist in sicherer Entfernung und treiben die Herde mit Steinschleudern an. Wusste ich nicht. Deshalb lief ich, kurz nachdem ich dieses Bild schoss, auch panisch vor einem Bullen davon.

 

Ein Bild von ca. 4000m Höhe. Auf der anderen Seite des Tals ist ein Seitengipfel des Annapurna-Massivs zu sehen. Er liegt auf knapp 8000m. Luftlinie trennen uns nicht mal 10km. Ihn zu erklimmen würde aber mehrere Wochen dauern.

Noch vor Sonnenaufgang laufen wir los. Es sind nur noch 500 Höhenmeter bis zum Pass. Zwei oder drei Kilometer. Eigentlich eine Sache von einer Stunde. Doch heute komme ich kaum voran. Nach dieser Zeit haben wir höchstens die Hälfte des Weges zurückgelegt, obwohl der Pfad gut zu begehen ist.

Doch ab jetzt wird es richtig schlimm. Ich mache vier oder fünf Schritt und bin völlig außer Puste. Dann bleibe ich stehen und atme so tief ein, wie ich kann. Ein paar Mal muss ich den Rucksack ablegen.

Als Ben sieht, wie es um mich steht, weicht er mir nicht mehr von der Seite. Scheinbar bin ich kreidebleich. Er drängt mich dazu, Medikamente zu nehmen, doch ich weigere mich. Ich habe es doch fast geschafft! Hundert Höhenmeter noch, höchstens zweihundert! Ich will es ohne schaffen. Ich bin der letzte, einer muss es schaffen!

 

Ein 96-jähriger Lama erteilt uns seinen Segen für die Überquerung des Passes. Er wurde einst mit dem Dalai Lama aus Tibet vertrieben. Er wohnt als Eremit oberhalb von Manang in einem Verschlag, der halb Hütte, halb Höhle ist.

 

Ab einer gewissen Höhe gibt es nichts mehr zum Heizen außer Yak-Kot. Ich habe allerdings den Verdacht, dass der minimale Temperaturanstieg eher von den zusammengepferchten menschlichen Körpern verursacht wird.

Ein paar Geißböcke springen uns über den Weg. Bei ihrem Anblick staune ich nicht schlecht. Ich habe seit zwei Tagen keine Pflanze mehr gesehen. Vorletzte Nacht wurde unsere Hütte mit Yak-Kot beheizt, weil Feuerholz nicht zu kriegen war. Keine Ahnung, wie sich diese Böcke hier oben ernähren. Aber sie müssen das roteste Fleisch haben, dass man je gesehen hat.

Als ich mich umsehe, sehe ich unsere Geschichte. Zwei Tagesmärsche hinter uns liegt der Fluss. Einen weiteren Tag entfernt sehe ich grüne Wiesen. Dorthin, oberhalb von Manang, haben wir einen Marsch gemacht zum Akklimatisieren. Um einen wunderschönen Bergsee herum graste eine Herde Yaks. In einer Hütte aus Steinen wohnte ein alter buddhistischer Lama und segnete uns für die Überquerung. Er musste über 90 Jahre sein. Fotos an der Wand seiner Hütte zeugten von der Vertreibung der Lamas aus Tibet durch die Chinesen.

 

Wir sind umgeben von 6000ern und 7000ern. Einige Tagesmärsche entfernt sieht man den Marsyangdi-Fluss, den wir raufgewandert sind.

Doch jetzt ist um uns herum nichts als Geröll. In der Ferne thronen einige Gipfel von 6000 und 7000m Höhe. Aber diese Geschichte ist noch nicht vorbei. So wird sie nicht enden!

Ich gehe weiter. Lars ist ein Stück voraus. Ich folge Schritt für Schritt, Atemzug um Atemzug. Ich sehe es in Bens Augen: Ich wirke mehr tot als lebendig.

Dann endlich sehe ich die Hütte. Und die Steinpyramide! Wir sind oben! Der Raucher aus der Früh wartet schon. Er ist bekifft und grinst uns fröhlich an. „Gipfeljoint!“, jubelt er.

Erleichtert werfe ich den Rucksack ab und habe plötzlich sogar die Kraft, für ein Foto einen Luftsprung zu machen. Auf einer Steinplatte ist der Name des Passes eingeritzt, Thorong-La, und die Höhe: Wir befinden uns jetzt 5416m über dem Meeresspiegel.

In einer winzigen Holzhütte verbringt ein armer Tropf die Saison und verkauft den Wanderern Tee. Es ist der wohl ungewöhnlichste Tee, den ich je getrunken habe. Er kostet das zehnfache einer Tasse Tee in Kathmandu – unglaubliche 1,50 Euro. Aber für diesen Tee nehme ich gerne einen weiteren Kredit auf. Dankbar wärmen wir unsere Hände an den Tassen.

Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln. Manchmal ist es einfach so. Ob man empfindlich für die Höhenkrankheit ist, hat kaum etwas mit der körperlichen Konstitution zu tun. Der andere Kerl, der mit den dicken Augen, war Sportstudent – und jetzt vermutlich auf dem Weg zurück ins Tal.

 

Geschafft! Der Tharong-La auf 5416m ist erreicht. Ohne den Rucksack hebe ich glatt ab.

 

Der Starbucks unter den nepalesischen Kaffees: Die Teehütte auf dem Tharong-La

Plötzlich taucht der Typ mit den Augen auf. Taumelnd treibt er den Weg hinauf, seine Freunde folgen ihm, haben sein Gepäck auf ihre Taschen aufgeteilt. Er faselt wirres Zeug, sieht Schnee, obwohl keine Wolke am Himmel ist, und will sich hinlegen. Nur für einen Augenblick. Es sei so angenehm grade.

Bei Ben läuten alle Alarmglocken. „Seid ihr wahnsinnig geworden!“ Diesmal ruft er es wirklich. Die anderen Jungs entschuldigen sich beinahe. Er wollte einfach nicht umkehren, sagen sie. Er wollte nur noch kurz über den Pass.

Ben schickt sie sofort hinten runter. Wir sehen dem Glubschauge nach, wie er benommen den Hang hinab taumelt, und seinen Freunden, wie sie ihm mit dem gesamten Gepäck hinterhereilen. In der weiten Ebene erstreckt sich der trockene Norden Nepals über Mustang bis nach Tibet. In einer Stunde kann man 1500m absteigen. Das sollte er so schnell tun, wie nur irgend möglich.

Auch wir müssen weiter. Die Höhe tut auf Dauer nicht gut. Mühsam schultere ich mein Gepäck. Noch einmal sehe ich mich um, sauge den Moment auf für die Ewigkeit. Ich befinde mich 5416m über dem Meeresspiegel. Ich überquere soeben das Himalaya-Gebirge zu Fuß. Ja denke ich, jetzt habe ich eine Geschichte. So kann sie enden.

Mit einem Lächeln im Gesicht mache ich mich an den Abstieg.

 

Abwärts nach Muktinath. In der Ferne sieht man die Region Mustang im Grenzgebiet zu Tibet.

#BucketList2017



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