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Enjoy the ride. There's nothing else.


mhackethal

Die Hand

Er hatte nichts, doch er gab mir so viel.

 

Ich schaute mich noch schnell um, doch ich hatte nichts, das ich ihm geben konnte. Er stand zwischen seinen Eltern, einem Ehepaar aus Indien. Eine Sonnenbrille verdeckte seine Augen, die Beine standen schief zueinander, seine linke Hand lag auf dem Rucksack seines Vaters. Die rechte hielt er vor sich, Finger wie tote Blütenblätter.

Sie standen vor meinem Flohmarktstand. Der Vater fragte mich etwas auf Englisch, das ich nicht verstand. Ich ging ihm um den Tisch herum entgegen. Er wiederholte seine Frage, doch ich hatte das Gesuchte nicht. Was es war, habe ich vergessen.

Nicht vergessen habe ich seinen Sohn. Während wir uns unterhielten, lauschte er reglos unseren Worten. Sicher war er blind, vielleicht auch stumm.

Ich fragte, woher die Familie stamme, und sein Vater gab zur Antwort aus Bangalore. Wir plauderten in lockerem Ton; es war ein freundliches, heiteres Gespräch.

Nach einer Weile öffnete sich die schmale Hand des Jungen und kam mir sehr langsam entgegen. Vorsichtig tastete er durch den Raum, der ihn umgab, nach meiner fremden Stimme. Ich ergriff seine Hand, fast überrascht darüber, wie weich sie war. Ich drückte sie sanft und hielt sie in meiner, ohne die Plauderei mit seinem Vater zu unterbrechen.

Was ein Leben ohne Farben, ein Gleiten durch Raum und Zeit ohne Gesicht wirklich heißt, kann ich nicht einmal erahnen. Ist nicht jeder eine Welt für sich? Er war bei jedem seiner Schritte abhängig von seinen Eltern, die ihn liebevoll durch das Gedränge führten. Sein Körper war so schwach und verdreht, dass er alleine nicht würde leben können.

Und doch bin ich dankbar, ihm begegnet zu sein. Seine Hand war wie ein Zeichen aus einer anderen Welt für mich. Ein gutes Zeichen.

Er hatte nichts, und gab mir doch so viel. 



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