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Wie ich meinem Vater begegne

Ein Besuch im Seniorenheim


 

Ein schweigender 85jähriger Mann im Rollstuhl. Graue Haare, akkurat geschnitten. Nasenhaare und Ohrenhaare wuchern, rasiert. Eingefallene Wangen, tiefliegende Augen - noch wachsam. Ein vogelartiges Drehen des Kopfes und Staunen, wenn ich dich besuche.

Als du noch nicht geschwiegen hast...

Ich war neun Jahre alt, da hast du mir erzählt, dass beim Ausheben der Baugrube ein römisches Schild und ein römisches Schwert gefunden wurden. Der Bauleiter hätte es im Fundament einzementiert. Für immer verschwunden, nicht mehr sichtbar. Aber ist ein Fluch auf diesem Schwert und Schild? Ist das Schwert magisch? Wird irgendwann ein Römer per Zeitreise vorbeikommen und es wie Artus aus dem Stein befreien?

Ich war zehn Jahre alt, da hast du mir erzählt, dass sich unter uns ein unterirdischer See befindet. Ich lief nun mit vorsichtigen Schritten über die Erde. Was, wenn ich einen Zugang finden würde und hineinrutschen würde wie Alice im Wunderland? Was, wenn ich einen Schatz finden würde beim oder im unterirdischen See? Was, wenn unser Haus komplett in einem Erdloch verschwinden würde?

Als ich älter war und bereits geschrieben habe, hast du mir eine kleine Keramik gezeigt. Du hattest sie im Garten beim Umwühlen des Beetes gefunden. Sie sähe sehr dem Keltenkönig mit den Micky-Maus-Ohren ähnlich. Was, wenn auf unserem Grundstück mal die Kelten gewohnt hätten? Was, wenn bei uns ein mächtiger König Armeen befohlen hatte, Land zu erobern? Was, wenn sein Grab sich unter dem Radieschenbeet befindet? Was, wenn er per Zeitreise zu uns findet und uns Nachhilfe in Geschichte gibt? Was, wenn die Kelten doch geschrieben haben und wir ein wichtiges Schriftstück finden würden?

Doch nun schweigst du. Ein Panzer. Frieden. Aber es fehlen mir die Geschichten.

Nun ist es Zeit, dass ich erzähle.

Was, wenn in diesem Seniorenheim ein berühmter Astronaut wohnen würde? Und er würde von seinen Abenteuern im All berichten?

Das könnte alles sein. Und es entspannt, so zu denken. Es macht glücklich, so zu denken. Deswegen denkst du bestimmt immer noch, auch wenn du nichts mehr sagst.

Das "Was, wenn" bleibt.

Fantasie schweigt nie.



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