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Filigrane Poesie

 

Judiths zartrosa Lippen formten Worte, die Ernst nicht wirklich in der Lage war in ihrem Sinn und der aufeinanderfolgenden Bedeutung wahrzunehmen. Manchmal glänzte ihre obere Zahnreihe auf, meistens wenn sie langgezogene E-Laute sprach. Die Eckzähne standen etwas schief in Proportion zu ihrem restlichen Gebiss, doch das empfand er als nicht weiter schlimm. Seit noch nicht ganz zwei Jahren trug sie einen BH; am Anfang natürlich nur um dazu zu gehören, aber ab dem vierzehnten Lebensjahr hatte sie ihre beste Freundin und Sitznachbarin Julia fast aufgeholt - Körbchengröße 75A war es sicherlich schon. Doch eine beachtliche Oberweite konnte sie ohnehin nicht erreichen, es würde wahrscheinlich irgendwo bei B verbleiben. Etwas Anderes hätte sich ohnehin nicht in das ästhetische Gesamtbild gefügt. Denn Judith hatte einen sehr schlanken, hochgewachsenen Körper. Es war der Körper einer Tunierschwimmerin. So etwas meinte er auch schon einmal über sie gehört zu haben, vielleicht auf einem Elternabend. Ernst fokussierte sich wieder, denn ihrem Tonfall nach hatte ihr Vortrag bald sein Ende erreicht, dafür hatte er über die Jahre ein Gespür entwickelt. Es war die Hausaufgabe der letzten Woche, eine Gedichtinterpretation von Rilkes Papageien-Park. Er hatte nicht viel mitbekommen, aber war sich sicher, dass es recht klug gewesen sein musste. Judiths Gedanken glänzten nicht durch Eigenständigkeit oder Kreativität, vielmehr waren es auf ein allgemein verständliches Niveau heruntergebrochene Erklärungen, die sich in der faden Mitte, dem herrschenden Konsens, befanden. Das reichte, um in unserer Gesellschaft als klug bezeichnet zu werden, und es reichte besonders, um die Schule mit exzellenten Noten abzuschließen.

Die Aras ständen natürlich für all jene, die sich in einem unbekannten Umfeld aufgrund ihrer Gedanken oder äußerlichen Andersartigkeit fremd fühlen. Dennoch haben sie noch nicht resigniert, durch Stolz getrieben überspielen sie ihr Heimweh und Unbehagen vor den Anderen. Natürlich darf die Bemerkung nicht fehlen, wie zeitgemäß dieses Sonett immer noch ist – dieser ganze schon von tausenden Schulklassen ausgewalzte Dreck.

Doch das war nicht ihre Schuld, soweit musste er ihr ein Zugeständnis machen, das Elternhaus und Umfeld hatten eine Schneise in die Zukunft geschlagen aus der sie nur mit kleinen Schlenkern ausbrechen konnte.

Er lobte sie routiniert. Es ging auch gar nicht so sehr darum was sie sagte; seit seiner letzten Beziehung - sie dauerte fünf Jahre - wusste er, dass Inhalte nicht wirklich etwas zählten. War die Sexualität hinfällig, riss das auf Dauer einfach alles ein und er wurde sich damals bewusst, dass nur Mädchen wie Judith ihn wirklich anzogen. Schließlich waren sie in diesem Alter nicht umsonst schon fähig zur Empfängnis, die Natur hatte es so vorgesehen und es war lediglich ein, noch nicht einmal ein Jahrhundert andauerndes, kulturell-gesetzliches Geflecht, das ihm diesen Akt verwehrte. Die Stunde floss zäh dahin. Andere Schüler lasen, das Gedicht wurde unnötiger Weise in seine Bestandsteile zerrupft. Alex, ein Problemschüler, kam bei der Durcharbeitung an seine Grenzen, da er nicht wusste, was genau ein Sonett überhaupt ist. Abfällig machte Ernst sich über ihn lustig – nach klassischen Kriterien hätte ihn wohl niemand als einen guten Pädagogen bezeichnet.

Judith trug trotz des trüben und über den September erkalteten Herbst einen Rock. Sie saß in einer der vorderen Reihen. Er bildete sich ein, sie würde diesen Rock nur für ihn tragen, ihm Einblick gewähren. Unbeholfen saß sie auf ihrem Stuhl, die Beine nicht ganz geschlossen und der Rock etwas aufgerafft. Er sah zwischen ihren Schenkeln hindurch in das Dunkle, und tief in diesem Dunkeln meinte er den hellen Schimmer ihrer Unterwäsche zu erkennen. Judith lächelte ihn an. Unauffällig überschlug Ernst die Beine um eine aufkommende Erektion zu unterdrücken. Nachdem das Klingeln der achten Stunde sämtliche Türen des Gebäudekomplexes durchdrang, stopften die Schüler ihre Unterrichtsmaterialen in abgenutzte Rucksäcke und Umhängetaschen. Als er das Klassenbuch abzeichnete, stand Judith plötzlich vor seinem Pult, leicht vorne über gebeugt. Sie hatte ein kleines Muttermal unter dem linken Schlüsselbein, ein Fleck Menschlichkeit auf einer ansonsten perfekten, porzellanähnlichen Haut. Sie fragte, ob ihre Interpretation wirklich gut war. Das „wirklich“ betonte sie mit leidvoll zittriger Stimme. Anfänglich kurz wortlos, unterstrich er sein in der Stunde gegebenes Lob noch einmal. Es würde ihr nämlich darum gehen, fügte sie an, dass sie selber seit kurzem Gedichte schrieb, doch sie sei sich nicht sicher, ob sie wirklich etwas davon verstünde. Nichts wurde erwidert, Ernst war abgelenkt. Sie hielte große Stücke auf ihn, sagte sie weiterhin, und vielleicht wolle er einmal kurz etwas überfliegen. Sie legte ein Blatt Papier auf seinem Schreibtisch ab, ein zwölfzeiliges Gedicht war in fein säuberlicher Mädchenschrift darauf geschrieben, bauchige geschwungene Vokale. Einige Momente tat er nichts weiter als sich vorzustellen Judiths schmale Schenkel auseinander zu drücken, ein vielleicht noch unberührtes Land zu entdecken, deren Küsten in jungfräulichen, rosa Farbübergängen schimmern. Wie er dort entlang der fleischigen Innenwände gleiten könnte, nicht ganz ohne anfänglichen Widerstand und ihr Gesicht würde einen Moment vollkommen aus allen bisherigen Zügen ausbrechen, die glatte Haut ihrer Stirn von Falten zerklüftet, aber dann ginge es, er wäre sanft.

Wieder gefangen ließ er seine Augen das Papier überfliegen. Es war selten dämlich, das fing schon damit an, dass es gereimt war. Die heutige Generation hatte nicht mehr wirklich einen Bezug zu dieser Art zu schreiben und es war eine hohe Kunst gereimte Verse nicht kindlich oder lächerlich klingen zu lassen. Ihr Gedicht triefte jedoch geradezu vor überbordenden Gefühlen, reine Befindlichkeitslyrik eines pubertären Mädchens. Schlecht geschrieben war das Gedicht allerdings nicht, Judith besaß durchaus einen großen Wortschatz, doch hatte nichts erlebt und vor Allem - und dieser Grundstein wird meist schon in der Kindheit gelegt - gelitten. Konflikte schaffen Poeten, hatte sein Professor an der Universität in Kiel immer gesagt, und er hatte Recht. Judith blickte ihn ängstlich an, sie lechzte nach ein paar schlichtenden Worten, Komplimenten. Judith stützte sich mit ihrer Hand am Pult ab, ihre Finger zuckten leicht. Ernst legte seine Hand auf ihre. Das Zucken verschwand und Judith sah scheinbar abwesend zur Fensterseite. Er führte sie an der Hand um das Pult neben seinen Stuhl und zeigte ihr ein paar Unreinheiten in den Versen, einige der Reime klangen konstruiert, sie solle an einem natürlicheren Fluss arbeiten. Judith nickte und strich mit der linken Hand über seine Schulter. Sie war ganz nahe, er konnte die dünnen Kerben auf ihrer glänzenden Unterlippe zählen: Vierzehn. Als er schluckte, hatte es der Speichel schwer den verengten Hals abzufließen, sein Körper war bis zum Äußersten angespannt. Er wollte sie, wollte den Rausch ausbrechender Hormone. Das Schweigen zwischen den Beiden dauerte nun schon einige Sekunden und wurde allmählich zu einer sozial unbehaglichen Stille. Aus dem Nichts heraus lächelte sie etwas verhalten und er meinte es in ihren moosgrünen Augen lesen zu können, eine Aufforderung. Ungestüm stand er auf, legte eine Hand um Judiths Hüfte, die andere fuhr entlang ihres Haaransatzes an den Nacken. Ihre Lippen pressten sich aufeinander. Judith war wie paralysiert, er konnte nicht interpretieren aus welchem Grund genau, sein Handeln war ohnehin nicht mehr zu stoppen. Durch ihren leicht geöffneten Mund drang seine Zunge ein, es fühlte sich weich an, so zart, nach einem Hauch, wie Sorbet. Um die großen Fenster in seinem Augenwinkel musste Ernst sich glücklicherweise nicht kümmern, das zur Ostseite ausgerichtete Klassenzimmer grenzte nach wenigen Metern an ein mit Tannen bewachsenen Grünstreifen, dort kam für gewöhnlich niemand vorbei. Die zierliche Judith wurde von ihm mit dem Rücken an die Tafel gedrückt und erst der Schmerz, der in ihren Rücken drückenden Kreideablage, ließ die Benommenheit abklingen. Sein Penis drückte sich durch die Hose in den Zwischenraum ihrer Schenkel. Judith schrie kurz auf, doch es kam zu keiner Reflexion, er griff ihre Hand und fuhr mit ihr über seine Leiste. Judith fing nun an zu weinen, es war kein Zusammenbruch, keine Schnappatmung, Schluchzen oder ablaufendes Nasensekret, lediglich ein Rinnsal aus Tränen lief ihr über die Wangen. Als sich die salzige Flüssigkeit mit ihrer Beider Speichel mischte, bemerkte Ernst was gerade geschah. Er ließ von ihr ab und grub seine Finger rücklings in das Polster des Bürostuhls. Gerade wollte er eine schlichtende Äußerung in den Raum entlassen, da schnellte sie auf ihn zu. Unbeholfen griff sie seine Hände, Haare, strich über seine Brust, wollte in seine Hose öffnen, aber scheiterte an dem Gürtel. Übergangslos sackte sie auf die Knie und wimmerte ein fast unverständliches Gewirr aus dem Ernst nur wenige Satzfetzen filtern konnte. Dann stieß sie ihn beiseite und rannte davon ohne, dass er hätte etwas unternehmen können.

Vollkommen verwirrt ließ er sich zurück in den Stuhl fallen. Ernst wusste nicht im Ansatz, wie er das Geschehen deuten sollte; würde sie ihn verraten, ihre streng wirkende Mutter mit Anwälten über ihn hereinbrechen wie ein plötzlicher Platzregen, würde es vielleicht ihr Geheimnis bleiben, könnten sie sich wiedersehen? Dann legte sich für einen kurzen Moment ein angedeutetes Lächeln über sein Gesicht, denn einer Sache konnte er sich sicher sein – er hatte ihr nun zumindest das Fundament bereitet, eine Chance ermöglicht, eine relevante Schriftstellerin zu werden.



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