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Tagtraumtanz

Der Bruch

Von roten Fäden, Gürtelschnallen, Mänteln und ganz viel Kaffee

 

Ein schriller Schrei zerreißt die Stille. Ich grummle genervt, suche mein Handy und bringe den Wecker zum Schweigen. Nachdem ich dann auch meine Brille gefunden habe wird meinem Liebsten erst mal eine süße Nachricht geschrieben, die er wohl erst in einer Stunde lesen wird. Aber da ich ein Mädchen bin und von mir ein dezentes Äußeres erwartet wird, darf ich die Welt schon um 6:00 begrüßen.

Mein ganzer Körper schreit, weint, fleht nach Koffein, doch zu erst wird ein Outfit festgelegt und ein Gesicht gemalt.

Ich bin die erste in der Küche, ich genieße kurz den morgendlichen Frieden, die Stille bevor ich Teewasser aufsetze. Die Kaffeemaschine erwacht mit einem wundervollem Geräusch zum Leben und ich mische mein Müsli zusammen. Dann wird noch schnell die Zeitung aus dem nassen Briefkasten gerettet und nun kann ich endlich meinen Espresso runter stürzen. Ich brauche Koffein und ich brauche es jetzt!

Die Schlagzeilen ähneln den von Gestern, von Vorgestern und von vor einem Monat. Nein, auf dem Dorfweihnachtsmarkt wurde ein zwei Meter großer Nussknacker geklaut. Ich entwerfe schnell eine Geschichte über einen fliehenden Nussknacker und hoffe, dass er jetzt glücklich ist. Um mich dann nochmal richtig zu motivieren schaue ich mir die Reichen und Schönen an, die meine Träume leben und mir sagen, was ich kaufen soll, bevor ich dann vor meinen Geschwistern fliehend im Bad verschwinde.

Die Schultasche ist schnell gepackt und schon befinde ich mich über das kalte Wetter und den Nieselregen fluchend auf dem Weg zu meinem Fahrrad. Es strahlt mir mit ironischem rot entgegen und versucht so seine Roststellen zu überspielen. Meine Geschwister und ich machen uns kollektiv schweigend auf den Weg.

In der Schule waren dann eigentlich alle Anstrengungen umsonst, denn meine Frisur ist zerstört, meine Wangen sind unschön rot und ich schwitze. Irgendwas ist anders, die Schule probiert etwas neues, hippes, ein roter Faden, der sich über die Wände zieht. Hilft auch nicht. Nach der ersten Doppelstunde jammert mein Körper und möchte erneut Koffein haben. Das wird aber nichts, da noch zwei Doppelstunden folgen. Super, wir gucken einen Film, nicht super, der Raum wird abgedunkelt und mein Körper holt sich den Schlaf, den er so dringend braucht.

Die Unmotiviertheit ist allgegenwärtig, sie zeigt sich an der langen Schlange vor dem einzigen Coffeeshop, der günstigen und einigermaßen genießbaren Kaffee anbietet. Dank meiner tollen Treuekarte spare ich 15 Cent.

Der Nachmittagsunterricht ist fast noch schlimmer als der am Morgen, da nun nicht mal mehr die Lehrer Motiviertheit zur schau stellen. Knurrend werden Arbeitsblätter verteilt und komplette Stille verlangt.

Auf dem Weg nach Hause friere ich noch mehr als auf dem Hinweg und aus dem Nieselregen wird ein Orkan. Das Wochenende beginnt klatschnass und hustend.

Inzwischen schreit auch der Magen, es gibt irgendwas mit Nudeln oder Kartoffeln. Danach noch ein Espresso, bevor der Körper auch nur muggt.

Motiviert werden die Hausaufgaben ignoriert und der Computer hochgefahren. Die nächsten Stunden beschäftigen mich Serien, soziale Netzwerke und meine Tagträume. Sowohl das Skizzenbuch, meine Kamera und mein Füller schauen mich vorwurfsvoll an. Doch der Tag hat alle meine Kreativität durchgekaut und ausgespuckt. Ich zucke mit den Schultern und tue so, als würde es mich nicht stören.

Es kommt zu einer digitalen Diskussion mit meinem Liebsten, da er zu müde ist um auszugehen. Ich spiele meine Wut nur, der Mantel der Müdigkeit hat mich schon längst umhüllt und die Couch säuselt meinen Namen.

Die dritte, oder vierte Folge neigt sich gerade dem Ende zu, als mein Handy klingelt. Wann hat mich das letzte Mal jemand angerufen? Ehrlich gesagt, dachte ich erst der Ton käme von meinem Computer.

„Komm raus, wir stehen vor deiner Tür, wir gehen aus!“ schreit meine beste Freundin deutlich angeheitert am anderen Ende. Ich muss unter Schock stehen, ich hasse jegliche Form der Spontanität. Jedenfalls renne ich durch alle Räume, schmeiße ein willkürliches Outfit zusammen und rede mit meiner Mutter. Im Auto ihres Freundes werde ich mit einer halbvollen Sektflasche empfangen. Wir fahren los, ich trinke den ersten Schluck und spüre wie die prickelnde Flüssigkeit den schweren Mantel zum Rutschen bringt. Wir singen lauthals mit, erzählen uns Anekdoten und brechen grundlos in Gelächter aus.

Wir erreichen die Dorfdisko, wo man alles trifft, Mädchen im Ballkleid, Männer in Latzhose und uns. Wir werden stürmisch von ein paar Klassenkameraden begrüßt und der eine freut sich so sehr uns zu sehen, dass er meiner Freundin kurzerhand seine Gürtelschnalle schenkt. Und genau als wir auf der Tanzfläche stehen und dieses eine Lied gespielt wird, da ist mir alles egal und der Mantel fällt komplett. Wir schreien den Text mit, tanzen und fühlen uns unendlich frei.

Ich komme früh, heiser und mit unsagbarem Durst nach Hause. Ich befreie mich von meinem Kleid und schlafe mit einem beruhigendem Bimmeln in den Ohren ein, wissend das mich meine Routine morgen wieder haben wird, doch diese Nacht für immer in meinem Herzen bleibt.



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