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Ätzungen: Ein dilettantischer Hundeanus

Ein kurzer Abriss des universitären Kunstverständnisses.

 

Vieldeutiges Kunstwerk in meiner Küche: "CHEESE/HOLES/PENCIL 04"

Es war ein gewöhnlicher Tag am Kunstinstitut und gerade das war das Furchtbare. Wie immer war ein Drittel meiner Kommilitonen nicht zum Seminar „Dreidimensionales Zeichnen“ erschienen und von den im Raum verteilten Studenten konnte man wieder gut die Hälfte subtrahieren, welche zwar physisch, aber nicht geistig anwesend waren, weil sie in meditativer Versenkung über ihrem Smartphone hingen oder mit taxidermie-toten Plastikaugen aus der Fensterfront schauten. Ich kam nicht um den Eindruck herum, dass sie wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Trotz, die als esoterisch verschriene Praxis der Seelenwanderung gemeistert hatten.

Der Dozent, ein willfähriger und gutmütiger Spätdreißiger, strich sich das schulterlange, schwarze Haar nach hinten und begann zu reden. Er hatte sich den Hund einer Freundin geliehen, den sollten wir über die nächsten zwei Stunden in verschiedenen Positionen zeichnen, genauer skizzieren, denn der Hund würde sich schließlich viel bewegen. Und darum sollte es auch hauptsächlich gehen: In wenigen Minuten und Strichen die Essenz HUND einzufangen. Nach kurzer Diskussion holte der Dozent also den Hund herein, ein aufgeregt hechelnder, oberschenkelhoher Mischling (aus welchen Rassen er sich genau zusammen setzte, konnte ich aufgrund mangelnder Expertise nicht bestimmen und aus mangelndem Interesse fragte ich auch nicht weiter nach), dann fing man an zu zeichnen. Nach drei Blättern sah ich über mein Reißbrett hinweg und beobachtete meine Kommilitonen. Wie immer brachten sie mit Stift, Feder oder Kohle ein stilistisches Äquivalent zu ihren stereotypen Erscheinungsbildern zu Papier: Die antiautoritäre Marxliebhaberin mit den türkisfarbenen Haaren warf expressive, harte Striche auf ihren Block, das blonde, stille Mädchen mit dem linealakuraten Mittelscheitel, die früher Abiturbeste gewesen war, aber dennoch etwas „Kreatives“ studieren wollte, zeichnete so ängstlich zarte Linien, dass sich ihr Motiv auf drei Meter Entfernung nicht mehr vom Blatt abhob und die bedreadlockte Cordhosenträgerin verwischte bakterienähnliche Umrisse mit dem Handballen (später würde sie erzählen, dass sie eher das Wesen des Hundes hatte einfangen wollen). Leider war das keine literarische Übertreibung. Der Hund hatte sich jedenfalls irgendwann sozial akklimatisiert und schlief gelassen auf den von der Mittagssonne erwärmten Bodenfliesen. Wir beendeten die Übung.

In einem Halbkreis setzten wir uns um die ausgelegten Arbeiten, es ging nun darum, die Zeichnungen zu besprechen. Auf meine Blätter war ich zu Recht stolz: In durchgängigen Konturen hatte ich den Hundekörper unter Verzicht großartiger Schattierungen umrissen, wie aus Porzellan gefertigt sah er aus. Ohne überheblich sein zu wollen, waren die anderen Zeichnungen im Vergleich zu meinen auf dem Niveau von Kunstkursteilnehmern des Dorfgemeindehauses zu Schwabstedt. Wir sprachen im weiteren Verlauf über dieses und jenes Blatt, doch niemand sagte etwas zu meinen Porzellanmischlingen. So weit, so traurig. Dann rückte eine Zeichnung in den Fokus, die an Dilettantismus kaum zu überbieten war: Der Hund war von hinten dargestellt, es gab weder Perspektive, noch Tiefe oder Technik, aber es gab dem Comic entsprungene Bewegungslinien, die ein Schwanzwedeln andeuteten; darüber hinaus blickte man in direkter Linie auf den Anus des Tiers, der in seiner Gestaltung daran erinnerte, wie Kleinkinder oft Schneeflocken zeichnen (viele gerade Striche, die sich in der Mitte überschneiden, sodass sich eine Art Kreisform ergibt). Nachdem ich Kritik geäußert hatte, lüftete der Urheber – der einzige andere männliche Seminarteilnehmer – den Mantel seiner Anonymität. Er griff sich an den Bund seiner Zimmermannshose und erklärte mir, dass er keine kunsttheoretischen Do's und Dont's bedienen wollte. Die Cordhosenträgerin fühlte sich nun auch berufen den Hundeanus zu verteidigen. Das wäre halt sein Stil, ließ sie verlauten, und den könnte ihm auch keiner absprechen. Alle, einschließlich meines Kontrahenten, nickten zustimmend. Der Dozent hielt sich aus der Angelegenheit raus, bog sachte den Metallbügel seiner filigranen Brille und streichelte danach den schlafenden Hund. Meine Gedanken, sein Handwerk weiterzuentwickeln, sich in anderen Herangehensweisen zu schulen, bevor man so etwas Hochtrabendes wie einen Stil in Angriff nimmt, teilte keiner. Aus der zweiten Reihe hörte ich eine näselnde Stimme, Kunst lässt sich nicht nach Kriterien bewerten, sagen. Als schließlich noch jemand einwarf, dass auch die Natur Kunst sei, verfluchte ich den Umstand, das Studium jemals begonnen zu haben. Ich kapitulierte. Sollten sie doch glücklich mit ihrem dilettantischen Hundeanus werden.



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